Helfersyndrom und Stoizismus — helfen, ohne zu retten

Helfersyndrom und Stoizismus — helfen, ohne zu retten

Helfersyndrom nennt man ein Muster, in dem Helfen zum Zwang wird und der eigene Wert daran hängt, gebraucht zu werden. Wer so hilft, fragt weniger, was der andere braucht, als was er selbst braucht: Bestätigung, Nähe oder das Gefühl, wichtig zu sein. Von außen wirkt das wie Hilfsbereitschaft, von innen kann es sich wie ein Muss anfühlen.

Nicht jedes Helfen ist deshalb verdächtig. Auch für die Stoa gehört Helfen zu einem guten Leben, denn sie versteht den Menschen als auf Gemeinschaft angelegt (mehr zu dieser Zugehörigkeit im Beitrag über Oikeiosis). Die Frage ist, wem das Helfen dient. Dieser Beitrag zeigt, wie sich Helfen und Retten unterscheiden, woher der Drang zu retten oft kommt und was Marc Aurel und Seneca über Geben ohne Applaus schreiben. Dazu gibt es eine schlichte Prüffrage, die Mara weiter unten aus eigener Erfahrung beschreibt.

Inhaltsverzeichnis

  1. Was das Helfersyndrom ist — und was nicht
  2. Persönlich — Mara: Wann ich helfe und wann es Retten wäre
  3. Was Retten kostet: dem anderen und der Beziehung
  4. Woher das Helfersyndrom kommt: Prägung, Anerkennung, Angst
  5. Wo das Muster auftaucht: Beruf, Familie, Freundschaft
  6. Helfen ohne Zuschauer: Marc Aurel und Seneca
  7. Vor dem Eingreifen: drei Fragen und ein Angebot
  8. Mit dem Helfersyndrom umgehen: Hilfe annehmen und Nein sagen
  9. Reflexionsfragen
  10. Häufig gestellte Fragen
  11. Weiterlesen auf lichtstim.me

Was das Helfersyndrom ist — und was nicht

Der Begriff geht auf den Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer zurück, der ihn 1977 in seinem Buch „Die hilflosen Helfer“ prägte. Sein Gedanke: Menschen, die sich stark für andere engagieren, verschaffen sich dadurch oft eine Bestätigung, die sie sonst nur schwer bekommen. Das Helfen bekommt dann Zwangscharakter. Viele Betroffene haben zugleich große Mühe, selbst Hilfe anzunehmen.

Für die Einordnung ist wichtig: Das Helfersyndrom ist eine Beschreibung und keine Diagnose. In den Klassifikationssystemen ICD und DSM steht es nicht als eigenes Krankheitsbild. Es beschreibt ein Verhaltensmuster, das auch bei anderen Themen mitschwingen kann, etwa bei Abhängigkeit in Beziehungen.

Typische Anzeichen, ohne dass sich daraus ein Urteil über einen Menschen ableiten ließe:

  • Man hilft auch ungefragt und wird unruhig, wenn andere ihre Probleme ohne einen lösen.
  • Der Wert des Tages hängt daran, ob man gebraucht wurde.
  • Hilfe anzunehmen fällt deutlich schwerer, als sie zu geben.
  • Ein Nein fühlt sich wie ein Verrat an.

Nichts davon macht Helfen schlecht. Es zeigt nur, dass hinter dem Helfen noch etwas anderes arbeiten kann. Mara beschreibt, woran sie im Alltag erkennt, welches von beiden es ist.

Persönlich — Mara: Wann ich helfe und wann es Retten wäre

Ich selbst habe das eher im Umfeld erlebt: Menschen, die „gerettet“ haben. Manchmal ging es dabei darum, sich selbst gebraucht zu fühlen, sich hervorzuheben oder Anerkennung dafür zu ernten. Nicht unbedingt darum, jemandem zu helfen, um des Helfens willen, und oft auch nicht, weil die andere Person überhaupt um Hilfe gebeten hätte.

Ich hatte früher den Eindruck, dass Hilfsbereitschaft erwartet wurde und einfach dazu gehört, wenn man ein braves Mädchen ist. Heute helfe ich entweder aus eigener Motivation oder natürlich, wenn ich darum gebeten werde und wirklich aus Liebe helfen möchte. Nicht, weil ich Angst vor Liebesentzug oder Ähnlichem hätte.

Im Job ging es oft darum, jemandem weiterzuhelfen. Auch in der Freizeit ist es für mich selbstverständlich, unter die Arme zu greifen: älteren Menschen über die Straße zu helfen, im Einkaufsladen einen Pack Wasser in den Wagen zu stellen, etwas aus dem oberen Regal zu reichen oder beim Suchen zu helfen. Das tue ich einfach des Helfens willen.

Die Unterscheidung zwischen Helfen und Retten liegt für mich in einer Frage: Könnte die Person das jetzt genauso selbst erledigen oder schaffen und tut es nur nicht, weil jemand anderes es für sie tun soll, aus Bequemlichkeit oder erlernter Hilflosigkeit oder wie auch immer? Dann ist das eher Retten. Die Person könnte, wenn sie wollte oder darin bestärkt würde, gibt es aber ab. Oder man schreitet ein, bevor sie überhaupt in die Verlegenheit käme. Das ist dann gerettet und auch nicht unbedingt das Gelbe vom Ei. Könnte die Person es dagegen wirklich nicht selbst, dann ist Unterstützen echte Hilfestellung, also Helfen. Darin liegt für mich die Unterscheidung.

— Mara

Was Retten kostet: dem anderen und der Beziehung

Retten fühlt sich im Moment für beide Seiten gut an. Der eine wird die Sorge los, der andere das Problem. Der Preis zeigt sich später.

Zuerst zahlt der andere. Wer immer abgenommen bekommt, übt das Selbermachen nicht und lernt, dass andere für ihn zuständig sind. Er verliert die Chance, es selbst zu können, und mit ihr ein Stück Selbstvertrauen. Ein Kind, dem man immer die Schuhe bindet, lernt es später als andere. Manchmal steckt in der Rettung außerdem eine leise Botschaft: Du schaffst das nicht.

Dann die Beziehung. Sie bekommt ein Gefälle, hier der Starke, dort der Bedürftige. Das kann beiden lange passen. Eng wird es, sobald einer aus der Rolle will, denn dann wackelt für beide etwas, das sie stillschweigend vereinbart hatten.

Und schließlich zahlt der Retter selbst. Wer ständig rettet, macht sich unentbehrlich und hat wenig Raum für die eigenen Bedürfnisse. Auf Dauer führt das leicht zu Erschöpfung und zu dem Gefühl, dass alles an einem hängt.

Woher das Helfersyndrom kommt: Prägung, Anerkennung, Angst

Maras Beschreibung weiter oben nennt die typischen Quellen fast nebenbei: den Eindruck, dass Hilfsbereitschaft erwartet wird und zu einem braven Mädchen gehört, die Angst vor Liebesentzug, die Suche nach Anerkennung. Solche Muster entstehen oft in Kindheit und Familie, wo Zuwendung an Leistung geknüpft scheint. Wer früh lernt, dass Liebe sich durch Helfen verdienen lässt, trägt das leicht ins Erwachsenenleben. Auch das Umfeld spielt mit: Wer als hilfsbereit gilt, bekommt Lob, und Lob ist eine starke Belohnung, die das Verhalten festigt.

Bei Schmidbauer kommt eine zweite Ebene dazu. Wer anderen hilft, muss die eigene Bedürftigkeit nicht ansehen, und das Helfen kann davor schützen, selbst Hilfe zu brauchen. Deshalb fühlt es sich für viele so gut an und ist zugleich so schwer zu lassen.

Aus stoischer Sicht ist das aufschlussreich, weil der eigene Wert hier an etwas hängt, das nicht in unserer Hand liegt: an der Reaktion der anderen. Epiktet trennt im Handbüchlein (Kapitel 1) das, was bei uns liegt, von dem, was nicht bei uns liegt. Unser Urteil und unser Handeln liegen bei uns, der Dank, das Lob und das Gebrauchtwerden nicht. Wer seinen Wert daran festmacht, macht sich abhängig von etwas, das er nicht steuern kann. Wie sich innerer Halt zurückgewinnen lässt, beschreibt der Beitrag über Emotionale Abhängigkeit.

Wo das Muster auftaucht: Beruf, Familie, Freundschaft

Schmidbauer beschrieb das Muster zuerst bei Menschen in helfenden Berufen, bei Lehrern, Ärzten, Pflegekräften, Pfarrern, Psychologen und Sozialarbeitern. Das ist naheliegend: Dort gehört Helfen zur Aufgabe, und die Grenze zwischen Aufgabe und Bedürfnis verschwimmt leicht. Wer im Beruf hilft, kann Feierabend machen. Wer helfen muss, um sich wertvoll zu fühlen, kann es oft nicht.

Außerhalb des Berufs sieht es leiser aus. In Familien springt häufig dieselbe Person ein, wenn etwas fehlt, und die anderen gewöhnen sich daran. In Freundschaften ist es der Mensch, der immer zuhört und selten selbst erzählt. Auffällig ist oft, dass niemand fragt, wie es dem Helfenden geht, denn er hat ja gezeigt, dass er stark ist. Ein Sonderfall ist die Pflege von Angehörigen: Hier sind Helfen und Liebe untrennbar, und Erschöpfung wird leicht mit Hingabe verwechselt.

Das ist keine Anklage an die Umgebung. Wer immer hilft, sagt selten, dass er selbst etwas braucht, und die anderen halten das Sichtbare dann für die ganze Wahrheit. Wie sich die Erschöpfung durch ständiges Mitgefühl anfühlt, beschreibt der Beitrag über Compassion Fatigue.

Helfen ohne Zuschauer: Marc Aurel und Seneca

Marc Aurel unterscheidet in den Selbstbetrachtungen (V,6), frei wiedergegeben, drei Arten von Wohltätern. Die einen verlangen sofort Dank. Die anderen sind zurückhaltender, merken sich die Gefälligkeit aber und sehen im anderen einen Schuldner. Der dritte weiß kaum, was er getan hat. Er gleicht dem Weinstock, der seine Trauben trägt und ohne Erwartung von Dank zur nächsten Saison weitergeht. Wer eine gute Tat getan hat, ruft nicht nach Zuschauern, er wendet sich der nächsten zu.

Wer rettet, um Anerkennung zu ernten, gehört meist zur ersten oder zweiten Gruppe. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Orientierung. Marc Aurel beschreibt ein Helfen, das sich selbst genügt.

Seneca widmet dem Geben eine ganze Schrift, De beneficiis, über die Wohltaten. Zwei Regeln daraus passen hierher. Erstens soll man dem Beschenkten eine Wohltat nicht vorhalten und nicht einmal daran erinnern: Der Gebende vergisst sofort, was er gegeben hat, der Empfangende nie, dass er empfangen hat. Zweitens rät Seneca, dem Freund zuvorzukommen, damit er nicht erst bitten und sich schämen muss.

Seneca spricht dort von Freunden und Wohltaten, nicht vom Helfersyndrom. Die Übertragung ist unsere. Sie zeigt aber, dass ungefragtes Helfen nicht falsch sein muss, solange es dem anderen dient und kein Schuldenkonto führt.

Vor dem Eingreifen: drei Fragen und ein Angebot

Der erste Schritt ist kein Verzicht auf Helfen, sondern eine kurze Pause davor. Maras Prüffrage lässt sich zu drei Fragen ausbauen, die man sich vor dem Eingreifen stellt:

  • Kann die andere Person es selbst, oder fehlen ihr Kraft, Wissen oder Zeit?
  • Hat sie um Hilfe gebeten, oder brauche ich gerade, dass sie mich braucht?
  • Was passiert, wenn ich nichts tue, und wäre das wirklich schlimm?

Wer diese Fragen ehrlich beantwortet, merkt oft, dass ein Angebot reicht. Ein Angebot lässt dem anderen die Wahl, ein stilles Übernehmen nimmt sie ihm. Statt still die Kisten zu tragen, genügt ein „Soll ich mit anfassen?“. Das beantwortet auch die Sorge, Helfen könne übergriffig wirken.

Zur dritten Frage: Oft lautet die ehrliche Antwort, dass der andere sich ärgert, sich anderswo Hilfe holt oder es selbst löst, aber selten, dass etwas Schlimmes passiert. Anders liegt es bei echter Not oder Gefahr. Dort geht Handeln vor, die Fragen gelten für den Alltag.

Manchmal ist die beste Hilfe, da zu sein und nichts abzunehmen. Der andere spürt dann, dass jemand an seiner Seite steht, und behält trotzdem die Aufgabe, die ihm gehört.

Mit dem Helfersyndrom umgehen: Hilfe annehmen und Nein sagen

Zum Umgang gehört auch die andere Richtung: Hilfe annehmen üben. Wer nur geben kann, macht das Verhältnis einseitig und nimmt dem anderen die Möglichkeit, auch einmal zu geben. Am Anfang helfen kleine Übungen: in einer Kleinigkeit um Unterstützung bitten, ein Angebot mit einem schlichten Danke annehmen, ohne sofort auszugleichen, und aushalten, dass jemand eine Aufgabe anders löst als man selbst.

Auch Seneca behandelt in De beneficiis nicht nur das Geben, sondern ebenso das Annehmen von Wohltaten. Beides gehört zu einem Austausch, in dem keiner nur Geber und keiner nur Empfänger ist.

Ein Nein ist erlaubt, ohne dass es etwas über den eigenen Wert sagt. Wie sich das ohne Härte sagen lässt, zeigt der Beitrag über Grenzen setzen und Nein sagen.

Ein Hinweis noch: Wenn das Muster aus einer belastenden Prägung kommt, starken Leidensdruck macht oder Beziehungen dauerhaft belastet, ist therapeutische Begleitung der richtige Ort. Ein Blogbeitrag kann Fragen stellen, aber keine Geschichte aufarbeiten.

Gutes Helfen braucht weder Zuschauer noch Schuldner. Es genügt, dass der andere danach entlastet oder ein Stück selbstständiger ist und man selbst nicht leerer.

Reflexionsfragen

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Häufig gestellte Fragen

Wie äußert sich ein Helfersyndrom?

Typisch sind ein starker Drang zu helfen, auch ungefragt, und das Gefühl, nur wertvoll zu sein, wenn man gebraucht wird. Oft fällt es schwer, Nein zu sagen oder selbst Hilfe anzunehmen. Das ist eine Beschreibung, keine Diagnose.

Welche Ursachen hat das Helfersyndrom?

Häufig genannt werden frühe Prägungen, in denen Hilfsbereitschaft erwartet wurde, der Wunsch nach Anerkennung und die Angst vor Ablehnung. Der Begriff geht auf Wolfgang Schmidbauer zurück, nach dem Helfer sich durch ihr Engagement eine Bestätigung verschaffen, die sie anderswo schwer finden.

Wie komme ich aus dem Helfersyndrom raus?

Hilfreich ist, vor dem Eingreifen zu fragen, ob die andere Person es selbst könnte und ob sie um Hilfe gebeten hat. Dazu gehört, den eigenen Wert vom Gebrauchtwerden zu lösen und Nein zu üben. Bei starkem Leidensdruck oder belastender Prägung kann therapeutische Begleitung sinnvoll sein.

Ist das Helfersyndrom übergriffig?

Es kann so wirken, wenn Hilfe aufgedrängt wird oder der andere sie gar nicht braucht. Wer Hilfe anbietet und die Antwort respektiert, bleibt auf Augenhöhe. Ungefragt zu helfen ist nicht falsch, wenn jemand erkennbar nicht selbst kann.

Was ist der Unterschied zwischen Helfen und Retten?

Helfen unterstützt, wo jemand etwas nicht selbst kann. Retten nimmt ab, was die Person selbst schaffen könnte, und nimmt ihr damit die Chance, es zu lernen. Beim Retten geht es zudem leicht darum, selbst gebraucht zu werden.

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Quellen und Einordnung

  • Marc Aurel, Selbstbetrachtungen V,6 — drei Arten von Wohltätern: der sofort Dank Fordernde, der Gefälligkeiten Anrechnende und der, der wie der Weinstock ohne Erwartung weiterträgt.
  • Seneca, De beneficiis (Über die Wohltaten), besonders Buch II — Wohltaten nicht vorhalten, dem Freund zuvorkommen, damit er nicht bitten muss; die Schrift behandelt Geben und Annehmen. Die Übertragung auf das Helfersyndrom ist eine Einordnung dieses Beitrags.
  • Epiktet, Handbüchlein (Encheiridion) 1 — was bei uns liegt und was nicht.
  • Wolfgang Schmidbauer: Die hilflosen Helfer, 1977 — prägte den Begriff Helfersyndrom; Helfen als Quelle von Bestätigung mit Zwangscharakter, Schwierigkeit, eigene Bedürftigkeit zu sehen.
  • Einordnung des Begriffs — das Helfersyndrom ist ein aus der Psychoanalyse stammender Beschreibungsbegriff und kein Eintrag in ICD oder DSM; dort auch die Aufzählung der helfenden Berufe (vgl. u. a. Wikipedia, „Helfersyndrom“, und therapie.de).
  • Einordnung — dieser Beitrag ordnet ein Muster philosophisch ein und ist keine Diagnose oder Therapie. Bei starkem Leidensdruck oder belastender Prägung sind eine Beratungsstelle oder eine psychotherapeutische Praxis die richtigen Anlaufstellen.

Die antiken Stellen sind dem Sinn nach wiedergegeben und quellenbezogen eingeordnet; sie ersetzen keine wörtliche Übersetzung einer bestimmten Ausgabe.

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