Wie hast du deine bessere Hälfte kennengelernt?
Elias und ich kannten uns eigentlich schon aus der Schule. Ab der siebten Klasse waren wir sogar in derselben Klasse. Damals war das aber eher so ein „Ah ja, der ist auch bei mir in der Klasse“ — wirklich viel miteinander zu tun hatten wir nicht.
Das kam erst viele Jahre später, und auf Umwegen, die ich mir so nicht hätte ausdenken können. Nach der Trennung meiner Eltern zog ich mit meiner Mutter in eine Mietwohnung. Ich selbst zog ein paar Jahre später wieder aus und ging in die Welt hinaus. Und wie das Leben manchmal so spielt, zog Elias irgendwann genau gegenüber von meiner Mutter ein. Sie erzählte mir das immer wieder — „der wohnt jetzt gegenüber“, „der grüßt auch immer so nett“. Ich selbst habe ihn in all den Jahren, in denen ich sie besuchte, tatsächlich nie gesehen. Wir haben uns wohl einfach immer verpasst.
Irgendwann hatten wir über Social Media wieder Kontakt. Erst ganz unspektakulär: Kontaktanfrage, angenommen, weitermachen. Das änderte sich, als ich mit meiner Familie einen Ausflug machte und Elias auf meinen Status reagierte — er fragte, wo wir da unterwegs gewesen seien. Ab da schrieben wir miteinander. Eine Woche später fragte er, ob ich Lust hätte, mit ihm in der alten Heimat eine Runde durch die Weinberge spazieren zu gehen. Ich dachte mir: haja, ehemaliger Klassenkamerad, mal hören, wie es ihm so ergangen ist und was sich in den letzten 15 Jahren verändert hat.
Wir trafen uns, gingen spazieren und redeten. Und redeten. Und redeten. Drei Tage später kam ich gefühlt erst wieder in der Realität an. Seit diesem Spaziergang gab es in Summe vielleicht zwei Wochen, in denen wir nicht physisch beieinander waren — schriftlich und telefonisch waren wir selbst da kaum getrennt. Wir sind direkt zu Beginn zusammen an den Bodensee gefahren, zwei Wochen später nach Wismar, dann wieder in die alte Heimat. Es kamen Ausflüge mit den Familien dazu, Ausflüge nur wir zwei, Höhen und Tiefen, eine gemeinsame Neuorientierung — bis hin zu Haus verkaufen und gemeinsam in die Welt hinaus.
Manchmal habe ich das Gefühl, wir waren irgendwie immer verbunden. Nur mussten wir wohl erst 15 Jahre lang unser eigenes Ding machen, um uns später als Erwachsene wieder zu begegnen. Und dann nicht nur kurz, sondern mit dem Wunsch, den Weg wirklich gemeinsam weiterzugehen.
Elias ist heute meine Safe Person. Vor ihm hatte ich Angst vor Nähe, Masking war für mich immer ein riesiges Thema — und ich glaube, kein Mensch hat mich je so kennengelernt wie Elias, so authentisch, so wenig versteckt. Dafür bin ich wahnsinnig dankbar. Vielleicht auch, weil wir uns von Anfang an geschworen haben, es in dieser Begegnung anders zu machen als zuvor: ehrlicher, echter, mehr wir selbst. Nicht perfekt, aber miteinander.
Die Stoiker hätten für das, was da über die Jahre passiert ist, ein eigenes Wort gehabt: Oikeiosis. Gemeint ist damit, dass Zuneigung nicht abstrakt beginnt, sondern sich von innen nach außen ausdehnt — zuerst zu sich selbst, dann zur Familie, zu Freunden, irgendwann zu allen Menschen. Der Stoiker Hierokles hat das sinngemäß als konzentrische Kreise beschrieben, die man Stück für Stück näher an den eigenen Mittelpunkt heranziehen kann. Elias war fünfzehn Jahre lang ein Gesicht am äußersten Rand einer dieser Kreise. Ein Klassenkamerad, ein Nachbar meiner Mutter, den ich nie traf. Und dann, ziemlich unspektakulär, rutschte er Kreis für Kreis weiter nach innen, bis er im Zentrum stand.
Was mich daran am meisten überrascht: Ich habe nichts davon geplant oder erzwungen. Die fünfzehn Jahre dazwischen fühlen sich im Rückblick nicht wie verlorene Zeit an, sondern wie ein Weg, der genau so verlaufen musste — ein bisschen Amor fati schwingt da mit, das Ja zu einem Umweg, den man sich im Moment selbst nicht ausgesucht hätte.
Vielleicht wächst Nähe manchmal genau so: leise, über Umwege, ohne dass man merkt, wie ein Mensch vom Rand der eigenen Geschichte in ihre Mitte wandert.
Wie war das bei dir — kam eure Nähe schnell, oder hat sie sich über Umwege herangepirscht?
— Mara
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