Den anderen annehmen, wie er ist

Mit wem verbringst du die meiste Zeit?

Die ehrliche Antwort ist schnell gegeben: mit Mara. Und zwar so viel, dass wir ständig gefragt werden, wie wir das eigentlich aushalten. 24 Stunden, sieben Tage, immer zu zweit, oft auf wenigen Quadratmetern — für viele klingt das wie eine Drohung. Ich verstehe die Frage. Sie hat einen wahren Kern.

Denn ich will nichts beschönigen: Es ist nicht immer leicht. So viel Nähe ist Arbeit. Keine romantische Arbeit, sondern echte — die Sorte, die man jeden Tag neu macht, ohne Applaus. Es braucht ein großes Stück Akzeptanz für den anderen, so wie er ist. Offen über alles sprechen. Keine Lügen, auch nicht die kleinen, bequemen. Und sich wirklich aufeinander einlassen, statt nebeneinander herzuleben.

Das Schwierigste daran ist nicht die Menge an Zeit. Es ist die Versuchung, den anderen passend machen zu wollen. Diese leise Stimme, die sagt: Wäre er nur an dieser einen Stelle ein bisschen anders, dann wäre alles leichter. Genau da habe ich am meisten gelernt.

Die Stoiker haben für diesen Punkt ein klares Werkzeug, die Dichotomie der Kontrolle. Sie teilt die Welt in zwei Hälften: das, was bei mir liegt, und das, was nicht bei mir liegt. Bei mir liegt, wie ich auftrete, ob ich ehrlich bin, ob ich zuhöre, ob ich heute geduldig bin. Nicht bei mir liegt, wie Mara ist. Ihr Wesen, ihre Eigenheiten, ihre Art, Dinge zu tun — das gehört ihr, nicht mir.

Sinngemäß bringt Epiktet es auf den Punkt: Leiden entsteht nicht aus den Dingen selbst, sondern aus dem Anspruch, dass sie anders sein sollen, als sie sind. Übertragen heißt das: Ich leide nicht an Mara. Ich leide höchstens an meinem eigenen Wunsch, sie ein Stück zu verändern. Lasse ich diesen Wunsch los, bleibt etwas Überraschendes übrig — der Mensch, in den ich mich tatsächlich verliebt habe. Nicht eine verbesserte Version davon.

Den anderen lieben, wie er ist, ist deshalb kein süßer Spruch fürs Poesiealbum. Es ist die praktische Konsequenz daraus, die eigene Grenze zu kennen. Was eine solche Haltung sogar in schwierigen Beziehungen klären kann, ist erstaunlich. Ich höre auf, an einem Menschen zu schrauben, der mir gar nicht gehört, und fange an, an dem Einzigen zu arbeiten, das wirklich mir gehört: an mir.

Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum diese Frage so viele beschäftigt. „Mit wem verbringst du die meiste Zeit“ ist im Kern die Frage, ob du dort, wo du am wenigsten Abstand hast, in Frieden sein kannst. Nähe vergrößert alles — auch den Reflex, zu korrigieren. Und sie zeigt schonungslos, wo man noch loslassen muss.

Ehrlich gesagt bin ich da nicht fertig. Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich feilen möchte — wie diese leise Stimme zurückkommt und sagt, an dieser einen Stelle wäre es doch leichter. Den Unterschied macht nicht, dass ich den Reflex nicht mehr habe. Sondern dass ich ihn inzwischen erkenne und sein lassen kann, statt ihm zu folgen.

Wie ist es bei dir: Lebst du die meiste Zeit mit einem Menschen, den du wirklich so nimmst, wie er ist — oder ertappst du dich dabei, an ihm zu feilen?

— Elias

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