Welche Dinge braucht man für ein gutes Leben? Mein Test auf 7,5 Quadratmetern
Welche Dinge benötigt man am ehesten, um ein gutes Leben zu führen?
Die ehrlichste Antwort habe ich nicht im Kopf gefunden, sondern beim Ausmisten. Mara und ich wollen uns so weit verkleinern, dass wir auf 7,5 Quadratmetern in einem Camper leben, arbeiten und reisen können. Und in dem Moment, in dem du jeden Gegenstand einzeln in die Hand nimmst und entscheidest „kommt mit oder bleibt“, wird die Frage nach dem guten Leben plötzlich sehr konkret.
Was dabei auftauchte, war ernüchternd: jede Menge Zeug, früher gekauft, manches doppelt und dreifach. Dinge, von denen ich überzeugt war, ich bräuchte sie — und die ich seit Jahren nicht vermisst hatte. Es stellt sich heraus: Dinge zu haben ist ein Nice-to-have. Aber mein Leben würde ich von ihnen nicht mehr abhängig machen. Wie sehr uns das verändert hat, habe ich in unserem Weg mit dem stoischen Minimalismus beschrieben.
Was uns in den letzten anderthalb Jahren tatsächlich als notwendig aufgefallen ist, lässt sich an einer Hand abzählen: Freiheit. Eine eigene Struktur, die nicht von anderen diktiert wird. Und der Camper, der genau das möglich macht. Wenn diese drei da sind, fühlt sich das an, als wären Körper, Geist und Seele im Gleichgewicht. Mehr scheint es nicht zu brauchen.
Genau hier setzt ein stoischer Gedanke an, der mir beim Sortieren immer wieder durch den Kopf ging: die Adiaphora, die „Gleichgültigen“. Die Stoiker teilten die Welt nicht in gut und schlecht ein, sondern unterschieden ein Drittes: Dinge, die weder das eine noch das andere sind. Ein Schrank voller Geräte, ein größeres Auto, das volle Regal — all das ist adiaphoron. Nicht schlecht, nicht verboten, durchaus angenehm. Aber eben nicht das, worauf ein gutes Leben ruht. Sie nannten manches davon „bevorzugt“ — schön, wenn es da ist, kein Verlust, wenn es geht.
Was wirklich zählt, liegt nach dieser Sicht woanders: in der eigenen Haltung, im Charakter, in der Art, wie ich mit dem umgehe, was ist. Sinngemäß hat Seneca es so gefasst — wer ein wenig hat und das nicht als Mangel empfindet, ist nicht arm, sondern frei. Reichtum sei nicht, viel zu besitzen, sondern wenig zu brauchen. Beim Ausräumen habe ich verstanden, was er meinte: Jeder Gegenstand, den ich nicht mitnehme, ist kein Verzicht. Er ist ein Stück weniger, von dem mein Wohlbefinden abhängt.
Das Schöne an den Adiaphora ist, dass sie den üblichen Reflex umdrehen. Normalerweise fragen wir: Was muss ich noch anschaffen, damit es gut wird? Die stoische Frage lautet andersherum: Wie wenig brauche ich eigentlich, damit es gut ist — und ist das Meiste nicht ohnehin schon da? Eine ähnliche Erfahrung hatte ich, als ich mir vorstellte, ein unbegrenztes Budget für 24 Stunden zu haben — und merkte, wie wenig davon wirklich bleibt. Freiheit, eine selbstgewählte Struktur, ein Ort, der mitkommt. Das passt in 7,5 Quadratmeter.
Ob das die richtige Form für den Rest unseres Lebens ist, wissen wir ehrlich nicht. Diese Sicherheit haben wir nicht und behaupten sie auch nicht. Was wir haben, ist ein gutes Gefühl — und den Wunsch, für uns selbst herauszufinden, ob es trägt. Vielleicht ist auch das eine Form von gutem Leben: nicht zu wissen, was man braucht, und es trotzdem ehrlich zu prüfen, statt es sich kaufen zu wollen.
Wenn du heute alles, was du besitzt, einzeln in die Hand nehmen müsstest, um zu entscheiden, was mitkommt — welche drei Dinge wären sofort klar, und was würde dich beim Loslassen überraschen?
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