Schadenfreude und Stoizismus — die Freude am fremden Pech
Schadenfreude ist die Freude über das Missgeschick oder Unglück eines anderen. Sie stellt sich meist ungefragt ein: Jemand rutscht aus, verliert die Wahl oder scheitert an der Sache, mit der er eben noch geprahlt hat, und für einen Moment hebt sich etwas in uns. Ob das harmlos ist oder ein Warnsignal, hängt davon ab, wer sich freut, worüber und wie lange.
Die Stoa nimmt dieses Gefühl ernster, als es sich anfühlt. Dieser Beitrag geht der Freude am fremden Pech nach, von der Frage, woher sie kommt, über die antike Begriffsgeschichte bis zur stoischen Erklärung und einem ehrlichen Umgang mit dem kleinen Stich. Dazu erzählt Mara weiter unten, wie sie und Elias mit Missgeschicken umgehen.
Inhaltsverzeichnis
- Was Schadenfreude ist — und was das Wort erzählt
- Warum wir Schadenfreude empfinden
- Ein antiker Name: epichairekakia und Aristoteles’ Mitte
- Persönlich — Mara: Erst absichern, dann lachen
- Warum die Stoa Schadenfreude zu den Affekten zählt
- Das Gegenteil: ein Wort, das im Deutschen fehlt
- Mit dem kleinen Stich umgehen
- Reflexionsfragen
- Häufig gestellte Fragen
- Weiterlesen auf lichtstim.me
Was Schadenfreude ist — und was das Wort erzählt
Das Wort setzt sich aus Schaden und Freude zusammen, wörtlich also Freude am Schaden. Schadenfreude ist ein Gefühl und noch keine Handlung. Wer sich still freut, tut zunächst nichts. Wer es zeigt oder ausspricht, betritt das Feld der Häme.
Das DWDS beschreibt Häme als überheblichen Spott und als boshafte Freude am Pech eines Menschen. Als Wort für in Worten geäußerte Bosheit kam sie erst in den 1970er-Jahren auf. Die Häme ist also die laute Schwester der Schadenfreude, die sich auch schweigend einstellen kann.
Nah verwandt, aber nicht gleich ist die Genugtuung. Sie meint, dass ein Unrecht ausgeglichen wird, das einem selbst oder anderen angetan wurde. Schadenfreude braucht kein Unrecht, ihr genügt das Pech. Am deutlichsten wird der Unterschied im Sport, wenn der Rivale des eigenen Vereins verliert und man sich freut, obwohl er einem nichts getan hat.
Das deutsche Wort hat die Sprachgrenze überschritten. Im Englischen taucht es 1852 erstmals im Buch des Philologen Richard Chenevix Trench über Wörter auf, neben dem griechischen epichairekakia, und gilt dort bis heute als Lehnwort. Auf das griechische Wort kommen wir gleich zurück.
Warum wir Schadenfreude empfinden
Die Forschung sieht Schadenfreude selten isoliert. Hidehiko Takahashi und Kollegen untersuchten 2009 in der Zeitschrift Science mit Kernspintomographie, was im Gehirn bei Neid und bei Schadenfreude geschieht. Ging es einer beneideten Person besser, wurde ein Areal aktiv, das mit Schmerz und Konflikt zu tun hat. Widerfuhr dieser Person dann ein Missgeschick, sprach das Belohnungssystem an, das ventrale Striatum. Je stärker die Reaktion im ersten Versuch war, desto stärker fiel sie im zweiten aus.
Der zweite Baustein ist das Gerechtigkeitsgefühl. Studien im Anschluss an Richard Smith und Kollegen (1996) sowie Norman Feather und Rebecca Sherman (2002) zeigen, dass verdientes Pech stärkere Schadenfreude auslöst als unverdientes. Sie fällt stärker aus, wenn die Person für das Missgeschick selbst verantwortlich war oder man sich über ihren früheren Erfolg geärgert hatte.
Ein dritter Baustein ist die Gruppe. Grit Hein und Kollegen zeigten 2010 in der Zeitschrift Neuron mit Fußballfans: Sahen Fans einen Anhänger der Gegenmannschaft Schmerz erleiden, sprachen Belohnungsareale an. Je heftiger diese Reaktion ausfiel, desto negativer sahen die Fans den Rivalen und desto geringer war ihre Bereitschaft, ihm zu helfen.
Vergleich, Gerechtigkeit und Gruppenzugehörigkeit sind alltägliche Motive. Studien beschreiben Zusammenhänge im Durchschnitt, sie erklären keinen einzelnen Menschen und erst recht keinen Charakter.
Ein antiker Name: epichairekakia und Aristoteles’ Mitte
Das Phänomen ist älter als das Wort. Schon das Altgriechische kannte epichairekakia, wörtlich die Freude am Übel. Aristoteles ordnet sie in der Nikomachischen Ethik (II,7) ein. Er beschreibt eine Mitte, nemesis, meist mit gerechter Entrüstung übersetzt: Man leidet an unverdientem Glück eines anderen. Das Übermaß dazu ist der Neid (phthonos), der an jedem fremden Glück leidet. Der Mangel ist die Schadenfreude, die so weit vom Leiden entfernt ist, dass sie sich freut.
Aristoteles ist kein Stoiker, taugt hier aber als Landkarte. Er stellt Neid und Schadenfreude als Enden derselben Achse dar, es geht in beiden Fällen um Schmerz und Lust am Ergehen der Nächsten. Das erklärt, warum beide Gefühle so oft zusammen auftreten.
Persönlich — Mara: Erst absichern, dann lachen
Bei mir und auch bei Elias gilt: Erst absichern, dass nichts Schlimmeres passiert ist, und erst danach lachen. Selbst die obligatorischen Fail-Videos auf YouTube belustigen vermutlich vor allem deshalb, weil man weiß: Wenn es ein YouTube-Video ist, wird nichts Schlimmeres dabei passiert sein.
Wenn mir selbst etwas passiert, das bei anderen Schadenfreude auslöst, lache ich meist mit, weil es mich selbst amüsiert oder weil ich nach dem Motto lebe: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Das hat nichts damit zu tun, dass ich jemandem Pech wünschen würde. Für mich ist es dann eher Situationskomik.
Mich ehrlich mit anderen mitzufreuen gehört eher zu meiner Natur. Wenn ich die Entwicklung eines Menschen miterlebe und ein Ziel erreicht oder eine Angst überwunden wird, freue ich mich ohne jeden Beigeschmack, ohne Missgunst oder andere negative Aspekte wirklich für die andere Person.
Ein Werkzeug gegen den kleinen Stich habe ich deshalb nicht. Es liegt mir fern, jemand anderem Pech zu wünschen, und ich wüsste auch nicht, dass mir jemand schon einmal Pech gegönnt hätte. Wäre es so gewesen und hätte ich es mitbekommen, hätte ich mich wohl gewundert, wie jemand zu so etwas kommt.
— Mara
Warum die Stoa Schadenfreude zu den Affekten zählt
Die Stoa hat für Gefühle eine Ordnung. Diogenes Laertios überliefert (VII,114), dass sie Lust als unvernünftige Erhebung des Gemüts über etwas verstand, das begehrenswert scheint. Als Unterarten nennt er unter anderem Genuss, Entzücken, ausschweifende Freude und die epichairekakia, eine Lust, die am Unglück anderer entsteht. Schadenfreude steht damit in der Familie der Affekte, nicht bei den vernünftigen Gefühlen. Diese behandelt der Beitrag über Eupatheia — die drei vernünftigen Gefühle der Stoa.
In der stoischen Lehre entsteht ein Affekt aus einem Urteil. Hinter der Schadenfreude steht dann etwa dieses: Das Unglück des anderen ist gut für mich. Das ist unsere Zuspitzung, sie beschreibt aber, worauf die Stoa zielt, nämlich auf das Urteil hinter dem Gefühl. Wie diese innere Instanz entscheidet, welchem Eindruck sie zustimmt, erklärt der Beitrag über das Hegemonikon.
Hier greift auch der Gedanke des Gleichgültigen. Nach stoischer Lehre ist nur die Tugend ein Gut, fremdes Pech ist für das eigene Wohlergehen gleichgültig. Ein Ausrutscher, eine verlorene Wahl, ein Karriereknick verbessern nichts an mir. Fühlt es sich trotzdem wie Gewinn an, hat das Gefühl einen anderen Ursprung, meist einen Vergleich, und der führt zurück zum Neid. Die Grundlage legt der Beitrag über Adiaphora — was die Stoa unter „gleichgültig“ wirklich versteht.
Das Gegenteil: ein Wort, das im Deutschen fehlt
Wer nach dem Gegenteil von Schadenfreude sucht, landet bei Mitfreude, der Freude am Glück eines anderen. Im Alltag ist das Wort seltener als sein Gegenstück, und in Foren wird gefragt, ob es im Deutschen überhaupt ein Wort dafür gibt.
Das Pali und das Sanskrit kennen eines: mudita. Im Buddhismus gehört es zu den vier grenzenlosen Haltungen (brahmavihara), neben Güte, Mitgefühl und Gleichmut, und gilt als Gegengift gegen Neid und Schadenfreude.
Sprache lenkt die Aufmerksamkeit: Was ein Wort hat, fällt eher auf. Man kann darin einen Hinweis sehen, dass Mitfreude leicht als Nebensache mitläuft, während die Schadenfreude ihren eigenen, treffenden Namen besitzt.
Trench fand es, frei wiedergegeben, erschreckend, dass eine Sprache ein Wort für die Freude am Unglück anderer besitzt. Man kann daneben fragen, warum uns für das Gegenstück ein gleich geläufiges Wort fehlt. Wie sich Mitfreude üben lässt, steht im Beitrag über Neid überwinden.
Mit dem kleinen Stich umgehen
Ein kurzer Stich ist kein Beweis für einen schlechten Charakter. Die Stoa verlangt nicht, ihn nie zu spüren, sondern ihm nicht ungeprüft zuzustimmen. Drei Schritte helfen dabei:
- Den Stich benennen, ohne ihn zu verurteilen. „Da freut sich gerade etwas in mir“ reicht als Anfang.
- Fragen, woher er kommt. War da ein Vergleich, ein Ärger über früheren Erfolg oder das Gefühl, dass es verdient war?
- Prüfen, ob etwas gesagt werden soll. Schweigen ist oft genug, denn ausgesprochen wird aus Schadenfreude Häme.
Bei echtem Leid, bei Krankheit, Verlust oder öffentlichem Scheitern gibt man dem Stich keine Bühne. Häme im Netz kann für die Betroffenen sehr belastend werden. Wer selbst zur Zielscheibe von Spott wird und darunter leidet, findet Unterstützung bei Beratungsstellen. Warum nicht der Spott selbst, sondern das eigene Urteil darüber kränkt, beschreibt der Beitrag über Kränkung — warum das eigene Urteil kränkt, nicht der andere.
Wer sich über das Pech anderer freut, wird von der Umgebung selten gefragt, warum. Oft lohnt genau diese Frage, denn hinter der Freude steht häufig ein Vergleich. Wer ihn erkennt, muss nicht jedes Lachen persönlich nehmen, weder das der anderen noch das eigene.
Reflexionsfragen
Reflexionsfrage
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Häufig gestellte Fragen
Schadenfreude ist die Freude am Pech oder Missgeschick anderer. Das Wort setzt sich aus Schaden und Freude zusammen und wurde im 19. Jahrhundert unter anderem ins Englische übernommen.
Weniger, als man denkt. Die Forschung bringt sie oft mit Vergleich und Neid und mit dem Gefühl in Verbindung, dass jemandem Pech zusteht. Aus einem einzelnen Gefühl lässt sich kein Charakterurteil ableiten.
Studien verbinden sie mit sozialem Vergleich und mit Gerechtigkeitsempfinden. Bildgebende Untersuchungen zeigen, dass das Missgeschick einer beneideten Person das Belohnungssystem anspricht, und Pech, das verdient scheint, löst stärkere Schadenfreude aus.
Als Gegenteil gilt Mitfreude, die Freude am Glück eines anderen. Im Buddhismus heißt sie Mudita und gilt als Gegengift gegen Neid und Schadenfreude. Ein alltägliches deutsches Wort dafür ist selten.
Nicht immer. Ein kurzes Lachen über ein harmloses Missgeschick ist etwas anderes als Freude an echtem Leid oder öffentliche Häme. Stoisch zählt Schadenfreude zu den Affekten, weil sie aus einem Urteil entsteht: Fremdes Unglück sei ein eigener Gewinn.
Weiterlesen auf lichtstim.me
- Wer den Zusammenhang sucht, findet ihn auf der Hauptseite Stoizismus verstehen — was er ist, was er bedeutet und wie du ihn lebst.
- Groll — die Glut, die du selbst am Leben hältst: ein verwandtes Gefühl, das vor allem den trägt, der es pflegt.
- Ehrgeiz und Stoizismus — wofür läufst du?: wie Vergleich und Anerkennung unser Streben färben.
Quellen und Einordnung
- Diogenes Laertios, Leben und Meinungen berühmter Philosophen, VII,113–114 — stoische Affektlehre: Lust als unvernünftige Erhebung des Gemüts, mit den Unterarten Genuss, epichairekakia (Lust am Unglück anderer), Entzücken und ausschweifende Freude. Die Zuspitzung auf das Urteil hinter der Schadenfreude ist eine Einordnung dieses Beitrags.
- Aristoteles, Nikomachische Ethik II,7 (1108b) — nemesis als Mitte zwischen phthonos (Neid) und epichairekakia (Schadenfreude); Schmerz und Lust am Ergehen der Nächsten. Aristoteles ist kein Stoiker und dient hier als Kontrast.
- Hidehiko Takahashi u. a.: When Your Gain Is My Pain and Your Pain Is My Gain — Neural Correlates of Envy and Schadenfreude, Science 323, 2009, S. 937–939 — Bildgebung: Neid und Schadenfreude sind neuronal verbunden.
- Richard H. Smith u. a., 1996, und N. T. Feather, Rebecca Sherman: Envy, Resentment, Schadenfreude, and Sympathy — Reactions to Deserved and Undeserved Achievement and Subsequent Failure, Personality and Social Psychology Bulletin, 2002 — verdientes Pech löst stärkere Schadenfreude aus als unverdientes.
- Grit Hein u. a.: Neural Responses to Ingroup and Outgroup Members’ Suffering Predict Individual Differences in Costly Helping, Neuron 68, 2010 — Fußballfans: Schmerz beim Rivalen spricht Belohnungsareale an; stärkere Reaktion, negativeres Bild, geringere Hilfsbereitschaft.
- Richard Chenevix Trench, Study of Words, 1852 — erste Erwähnung von „Schadenfreude“ im Englischen neben griechisch epichairekakia; nach Oxford English Dictionary und etymonline (Sekundärquellen).
- DWDS, Stichwort „Häme“ — überheblicher Spott, boshafte Freude am Missgeschick eines anderen; als Wort für in Worten geäußerte Bosheit seit den 1970er-Jahren.
- Mudita (Pali/Sanskrit) — Mitfreude als eine der vier Brahmaviharas im Buddhismus; nach Wikipedia „Mudita“ und Access to Insight (Sekundärquellen).
- Einordnung — dieser Beitrag ordnet ein Gefühl philosophisch ein und ist keine Diagnose oder Therapie. Bei anhaltendem Spott oder Häme gegen dich selbst sind eine Beratungsstelle oder eine psychotherapeutische Praxis die richtigen Anlaufstellen.
Die antiken Stellen sind dem Sinn nach wiedergegeben und quellenbezogen eingeordnet; sie ersetzen keine wörtliche Übersetzung einer bestimmten Ausgabe.
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