Eine Woche Adler — und was der Weitblick über uns verrät

Wenn du für eine Woche ein Tier sein müsstest – welches wärst du und warum?

Wenn wir für eine Woche ein Tier wären, hätten wir uns schnell geeinigt: ein Vogel. Genauer ein Adler.

Nicht wegen der Krallen und nicht wegen des Wappentiers. Es geht um etwas Unspektakuläreres — um den Blick. Um die Höhe, aus der sich die Dinge von selbst sortieren: Von oben sieht man nicht mehr die eine Straße, auf der man gerade steht, sondern wie alles zusammenhängt. Was auf Bodenhöhe riesig wirkt, bekommt seine Proportion zurück. Und um alles, was daran hängt: Freiheit, Unabhängigkeit, Beweglichkeit. Woanders sein können, wenn es hier eng wird. Nicht festgenagelt.

Und dann ist da noch das Leisere, das wir beide zugeben müssen: nichts erklären müssen. Kein Rechtfertigen, kein Nachreichen von Begründungen. Kein Grübeln.

Wobei — ob Adler nicht grübeln, weiß streng genommen keiner von uns. Vielleicht sitzt der da oben auf seinem Felsen und geht auch nochmal die letzten drei Tage durch. Wir tun einfach so, als sei er souveräner. Und genau da wird es interessant, denn dieses Sotun verrät mehr über uns als über den Adler.

Die Stoiker haben für das, was gutes Leben bedeutet, eine Formel, die erst mal unauffällig klingt: gemäß der eigenen Natur leben. Jedes Wesen hat eine Natur, und es geht ihm dann gut, wenn es widerspruchsfrei das ist, was es ist. Der Adler beneidet uns nicht. Er verhandelt seinen Weitblick nicht. Er lebt seine Natur ohne inneren Einspruch.

Und plötzlich ist klar, worum es bei der Frage geht. Wir beneiden ihn nicht um Flügel. Wir beneiden ihn um die Abwesenheit von Widerspruch. Darum, dass bei ihm nichts zwischen dem, was er ist, und dem, was er tut, dazwischenfunkt.

Das Grübeln, das wir loswerden wollen, ist nämlich nicht unser Defekt. Es ist der Preis für eine Ausstattung, die wir nicht wirklich hergeben wollen: die Fähigkeit, einen Eindruck anzusehen, bevor wir ihm folgen. Prüfen zu können, ob ein Gedanke überhaupt stimmt. Der Adler kann das nicht. Er muss es auch nicht — dafür hat er auch keine Wahl.

Marc Aurel hat sich morgens, wenn er nicht aufstehen wollte, ungefähr das gesagt: Beschwer dich nicht, du bist ja nicht dafür gemacht, es dir warm zu machen — sieh dir die kleinen Tiere an, jedes tut, wofür es da ist, und du zierst dich, das Werk eines Menschen zu tun. Der Punkt ist nicht Härte gegen sich selbst. Der Punkt ist: Auch wir haben eine Natur. Sie ist nur unbequemer als die des Adlers, weil zu ihr das Abwägen gehört.

Der ehrliche Kern unserer Antwort ist deshalb wohl nicht „wir wären gern ein Tier“. Er ist: Wir hätten gern mehr Weite, weniger Zwang zur Rechtfertigung, weniger Enge in Landschaft und Kopf. Das sind keine Adler-Eigenschaften. Das sind Bedingungen, die man sich schaffen kann — teils äußerlich, teils innerlich.

Eine Woche Adler würde daran nichts ändern. Wir kämen zurück und wären dieselben, nur mit einer schönen Erinnerung an die Aussicht. Was wirklich hilft, ist unromantischer: den Blick weiter machen, wo es geht, und das Erklären dort lassen, wo es niemand verlangt außer uns selbst.

Und dich würden wir gern fragen: Wenn du an dein Tier denkst — beneidest du es wirklich um das Tier, oder um einen Zustand, den du dir gerade nicht erlaubst?

— Mara & Elias

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