Lernst du dein Leben lang weiter? — Vier Meter Bücher und zwei Arten zu lernen

Lernst du dein Leben lang weiter?

Auf die Frage, ob wir ein Leben lang weiterlernen, kommt zuerst ein reflexhaftes „ja klar“. Das ist so wohlfeil, dass man es besser einmal beiseitelegt. Wer würde schon sagen: nein, ich bin fertig?

Interessanter wird es, wenn man nachsieht, was tatsächlich passiert. Und da ist die Antwort für uns beide ziemlich eindeutig: Ja — nur nicht als Programm.

Wir gehen gern offen und neugierig durch die Dinge. Wir lesen viel, wir reflektieren viel, wir wollen uns weiterentwickeln, und zwar auf allen Ebenen. Aber ohne Optimierungsdruck. Das ist uns wichtig, weil beides oft in einen Topf geworfen wird. Wir probieren viel aus, und dann entscheidet sich das ganz undramatisch: Was sich bewährt, wandert ins Leben. Was nicht, eben nicht. Kein Scheitern, keine Bilanz. Nur ausprobiert und wieder weggelegt.

Und es ist längst nicht nur Gelesenes. Über die Jahre kam einiges an Ausbildung und Übung dazu — Reiki und Energiearbeit, Tai Chi, Yoga. Das sind keine abgehakten Kurse, sondern Dinge, die geblieben sind und zum Alltag gehören. Genau daran merkt man auch, dass „gelernt“ der falsche Begriff ist: Man hat das nie fertig. Man übt es, und es verändert sich mit einem mit.

Am ehrlichsten zeigt sich das gerade an unserer Bücherwand. Vier Meter, über Jahre gewachsen — und aktuell in Kartons. Nicht, weil das Kapitel vorbei wäre, sondern weil das nächste Platz braucht: Camper, Portugal, weniger Wände. Die Bücher sind gelesen. Aber gelesen heißt bei uns nicht erledigt: Man schlägt nach, man schmökert wieder rein, man stolpert beim zweiten Mal über einen Satz, der beim ersten Mal keine Bedeutung hatte. Irgendwann stehen sie wieder — als eigene kleine Bücherei, aus der auch verliehen wird, an Leute, die etwas damit anfangen können. Vier Meter Gelesenes, eingepackt, aber nicht abgeschlossen.

Genau dafür haben die Stoiker ein Wort, das uns ziemlich entlastet: Prokopton — der Vorankommende. Der Übende. Niemand in dieser Schule nennt sich Weiser. Der Weise ist eine Richtungsangabe, kein Titel, den man sich verdient. Was bleibt, ist das Vorankommen selbst.

Damit dreht sich die Frage. Es geht nicht darum, ob man weiterlernt, sondern darum, dass es diesen Punkt gar nicht gibt, an dem man fertig wäre. Und das ist erstaunlicherweise keine Drohung. Es ist die Erlaubnis, unfertig zu sein, ohne dass daraus ein Defizit wird. Wer nie ankommen kann, muss sich auch nicht dafür rechtfertigen, noch nicht angekommen zu sein.

Seneca hat das gelebt, bis es fast komisch wurde. Er schreibt dem Sinn nach, man müsse lernen, solange man lebt — und erzählt, dass er sich als alter Mann noch in den Unterricht eines Philosophen setzt, zwischen die Jüngeren, und dafür belächelt wird. Sein Punkt: Man geht nicht zur Schule, um irgendwann ausgelernt zu haben. Man geht hin, weil man lebt.

Bis hierhin klingt das noch nach freiwilligem Lernen. Nach Büchern, nach Ausprobieren, nach dem angenehmen Teil.

Der andere Teil ist der, den man nicht bestellt hat. Wir haben beide einiges an Krisen und Prüfungen hinter uns, jeder auf seine Weise. Und so ungern man das über eigene schwere Zeiten sagt: Gelernt haben wir dort mehr als in jedem Buch. Nicht, weil Leiden veredelt — das ist eine Lüge, die wir nicht mitschreiben. Sondern weil es Einsichten gibt, an die man ohne das Erlebte schlicht nicht herankommt.

Das ist Amor Fati, und zwar in seiner unromantischen Form. Nicht: Ich finde gut, was passiert ist. Sondern: Ich weigere mich nicht länger, es als Teil meines Lebens zu führen. Es gehört dazu. Es hat mich geformt. Das anzuerkennen ist keine Zustimmung, es ist das Ende eines Kampfes, den man ohnehin nicht gewinnen kann.

Und so hängen die beiden Hälften zusammen: Das eine Lernen suchen wir uns. Das andere sucht uns. Der Prokopton geht weiter, weil er nicht ankommen kann — und was ihm unterwegs zustößt, gehört ebenso zum Weg wie das, was er sich vorgenommen hat.

Deshalb: ja, wir lernen ein Leben lang weiter. Nicht, weil wir uns verbessern wollen. Weil es kein Fertig gibt.

Und dich würden wir gern fragen: Was hast du zuletzt gelernt, das du dir nicht ausgesucht hast — und wie lange hat es gedauert, bis du es als deins annehmen konntest?

— Mara & Elias

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