Welches Medium (Buch, Film, Song) hat verändert, wie du die Welt siehst?

Ich habe eine Weile nach dem einen Moment gesucht. Nach der Szene, in der es „klick“ macht und danach ist die Welt eine andere. Ehrlich gesagt: Den Moment gibt es bei mir nicht. Kein Donnerschlag, keine Bank im Park, auf der plötzlich alles klar wurde. Eher ein leises Sich-Verschieben über Jahre, das ich erst im Rückblick als Verschiebung erkenne.

Wenn ich es an etwas festmachen soll, dann an zwei Büchern, die eigentlich dasselbe mit mir gemacht haben.

Das eine ist Seele sucht Sehnsucht von Mathias Jung. Was mich daran nicht mehr losgelassen hat, war der Gedanke, dass Sucht nicht nur Abhängigkeit von Substanzen bedeutet. Dass sie viele Facetten hat — Sehnsucht, die sich verläuft, das Greifen nach etwas, das den Namen ständig wechselt. Bis dahin hatte ich ein sehr enges Bild davon, was Sucht ist. Danach ein weiteres, ehrlicheres.

Das andere ist C. G. Jung mit dem, was er über den Schatten schreibt: die Seiten in uns, die wir am liebsten wegschieben. Sein Punkt ist nicht, den Schatten zu bekämpfen, sondern ihn zu beschreiben, ihn anzunehmen und zu integrieren. Nicht wegleuchten, sondern ansehen.

Erst spät habe ich gemerkt, dass beide Bücher dieselbe Bewegung auslösen. Sie nehmen mir ein schnelles Urteil weg. „Sucht ist Willensschwäche.“ „Der Schatten ist das Dunkle, das nicht sein darf.“ Beide Sätze klingen so selbstverständlich — und beide stimmen nicht. Was sich verändert hat, war nicht die Welt. Es war mein Urteil über sie.

Genau da werden die Stoiker interessant. Epiktet sagt dem Sinn nach: Nicht die Dinge selbst beunruhigen uns, sondern unsere Vorstellungen über die Dinge. Ich habe das lange für einen klugen Spruch gehalten. Inzwischen lese ich ihn praktischer: Zwischen einer Sache und meiner Reaktion liegt immer ein Urteil — und dieses Urteil gehört mir. Ich kann es prüfen. Ich kann fragen, ob es überhaupt stimmt, bevor ich zustimme.

Marc Aurel hat sich in seinen Aufzeichnungen genau darin geübt: sich selbst ehrlich anzusehen, ohne Beschönigung, aber auch ohne Selbstverdammung. Das ist im Grunde dieselbe Haltung wie Jungs Schattenarbeit, nur zweitausend Jahre früher. Hinschauen statt wegschieben. Beschreiben statt verurteilen.

Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum ich diese Frage nach dem „einen Medium“ so schwer beantworten kann. Bücher haben bei mir nie die Welt umgestellt. Sie haben etwas Leiseres getan: Sie haben ein paar meiner vorschnellen Urteile aufgelöst und mir gezeigt, dass ich genauer hinschauen darf, bevor ich etwas einordne. Das klingt kleiner als eine Erleuchtung. Es hält aber länger.

Und dich würde ich gern fragen: Gibt es ein Buch, einen Film oder einen Song, der bei dir weniger die Welt verändert hat als dein Urteil über etwas — der dir ein schnelles „so ist das“ weggenommen und durch ein genaueres Hinschauen ersetzt hat?

— Elias

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