Emotionale Regulation: worin ich dieses Jahr gewachsen bin
Worin bist du dieses Jahr gewachsen?
Die naheliegende Antwort wäre, eine Liste zu machen. Was ich gelernt habe, was fertig wurde, was sich vorzeigen lässt. Aber als ich ehrlich hingeschaut habe, lag das Wachstum dieses Jahr woanders — an einer Stelle, die man von außen kaum sieht.
Mein Fenster der Toleranz ist größer geworden. Im Vergleich zum letzten Jahr fahre ich nicht mehr so schnell aus der Haut. Die emotionale Regulation fällt mir leichter — nicht, weil weniger passiert, sondern weil zwischen dem, was passiert, und meiner Reaktion mehr Raum entstanden ist.
Am deutlichsten merke ich das in Streitgesprächen. Früher war ich schnell im Verteidigungsmodus, hatte das Gefühl, mich behaupten zu müssen. Heute fällt es mir leichter, eine Auseinandersetzung von außen zu betrachten — die Sache aus der Sicht beider Seiten zu sehen, auch den anderen anzunehmen, wie er ist. Und vor allem: Ich fühle mich nicht mehr so schnell angegriffen. Das ist der eigentliche Unterschied. Nicht, dass die Worte netter geworden wären. Sondern dass ich sie nicht mehr automatisch als Angriff verbuche.
Die Stoiker hatten für genau diese Bewegung einen Begriff: prokopē, das Vorankommen. Der prokoptōn ist nicht der Weise, der angekommen ist, sondern der, der unterwegs ist und übt. Das nimmt einer Frage wie dieser den Druck. Es geht nicht darum, ob ich „gelassen genug“ bin — sondern ob ich in eine Richtung gehe. Wachstum ist hier kein Zustand, den man erreicht und abhakt, sondern eine tägliche Praxis, die nie ganz fertig ist.
Und sie zeigt, wo die Arbeit wirklich liegt. Sinngemäß nach Epiktet: Nicht die Dinge selbst beunruhigen uns, sondern unsere Urteile über die Dinge. Der Satz des Gegenübers ist das eine. Der Gedanke „das ist ein Angriff“ ist etwas, das ich hinzufüge. Das Wachstum dieses Jahr bestand nicht darin, bessere Gegenargumente zu finden — sondern darin, diesen einen automatischen Zwischenschritt seltener mitzumachen. Marc Aurel hat es ähnlich gefasst: Nimm das Urteil weg, und mit ihm verschwindet das „mir ist Unrecht geschehen“.
Das Ruhige daran ist, dass dieses Üben in meiner Hand liegt. Ob das Gespräch eskaliert, hängt nicht nur an mir. Aber ob ich es als Bedrohung lese oder als zwei Menschen, die etwas unterschiedlich sehen — das ist mein Teil. Und genau dieser Teil ist dieses Jahr ein Stück weicher und weiter geworden.
Vielleicht ist das die unspektakulärste Art von Wachstum, die es gibt. Kein Ergebnis, das man herzeigen kann. Nur ein etwas größerer Abstand zwischen Reiz und Reaktion. Aber im Alltag verändert genau dieser Abstand am meisten.
Worin bist du dieses Jahr gewachsen — und woran hast du es zum ersten Mal gemerkt?
— Elias
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