Erinnerst du dich an dein liebstes Kinderbuch?
Ein dezenter Hinweis vorab: In diesem Beitrag geht es auch um den Abschied von einem geliebten Menschen.
Bei dieser Frage muss ich nicht lange überlegen. Mein liebstes Kinderbuch heißt „Frohes Kunterbunt — Ein Buch für unsre Kleinen“. Erschienen ist es, glaube ich, irgendwann in den 1950ern — lange bevor ich geboren wurde. Es ist ein Erbstück, das in unserer Familie weitergegeben wurde: Meine Oma hat daraus schon meiner Mutter vorgelesen, und meine Mutter später mir.
Der Einband ist inzwischen ziemlich fragil, manche Seiten mussten wir schon kleben. Drinnen findet sich von allem etwas: kurze und längere Geschichten, Gedichte, sogar kleine Spiel- und Bastelanleitungen — wie man aus Kastanien und Zahnstochern kleine Häuslein baut. „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ steht darin, „Das Büblein auf dem Eis“. Und unsere Lieblingsgeschichte: Prinzessin Rateklug.
Mit dieser Geschichte verbindet mich mehr als Kindheit. In den letzten Stunden, bevor meine Oma von uns ging, saßen Mama und ich an ihrem Bett. Und Mama hat ihr Prinzessin Rateklug noch einmal vorgelesen — bis zu ihrem letzten Atemzug. Die Geschichte, mit der für Mama alles angefangen hatte, war auch das Letzte, was Oma von uns hörte.
Nach Omas Tod hatten Mama und ich dann offenbar denselben Gedanken, ohne dass eine von der anderen wusste: Zum nächsten Weihnachten schenkten wir uns gegenseitig dasselbe Buch — jede hatte heimlich nach einem besser erhaltenen Exemplar gesucht. Nicht, weil wir ein neueres Buch wollten. Sondern weil wir die Erinnerung erhalten wollten, mit einem Exemplar, das nicht auseinanderzufallen droht. Das alte, ursprüngliche Buch haben wir natürlich noch. Wir halten es in Ehren.
Wenn ich darüber nachdenke, warum mir dieses Buch so viel bedeutet, lande ich bei einem Gedanken, den Seneca in De brevitate vitae dem Sinn nach so formuliert hat: Die Gegenwart ist flüchtig, die Zukunft ungewiss — aber die Vergangenheit ist der Teil unserer Zeit, der fest geworden ist. Für mich heißt das: Niemand kann sie uns nehmen. Kein Zufall, kein Verlust, nicht einmal der Tod.
Genau das ist dieses Buch für mich. Der Einband mag zerfallen, die Seiten mögen brüchig werden — das Eigentliche steht längst nicht mehr auf dem Papier. Omas Stimme beim Vorlesen, Mamas Stimme an ihrem Bett, die Kastanienhäuslein auf dem Küchentisch: Das ist gelebte Zeit, und gelebte Zeit ist unverlierbarer Besitz. Die Stoiker hielten wenig daran fest, was der Zufall geben und nehmen kann. Aber bei Seneca findet sich ein Gedanke, der hier tröstlich wird: Was wirklich gelebt wurde, ist nicht mehr bloße Möglichkeit. Es ist Teil unserer Geschichte.
Vielleicht ist es das, was die Frage nach dem liebsten Kinderbuch eigentlich meint. Es geht selten um die beste Geschichte. Es geht um die Menschen, die sie uns vorgelesen haben — und um das, was von ihnen bleibt, wenn das Buch längst geklebt werden muss.
Deshalb gebe ich die Frage gern weiter: Erinnerst du dich an dein liebstes Kinderbuch? Und wenn ja — ist es die Geschichte, an der du hängst, oder die Stimme, die sie dir vorgelesen hat?
Habt ein tolles Wochenende
Mara
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