Wie ich Selbstvertrauen aufbaue — mit der Stoa
Wenn ich diese Frage früher gehört hätte, hätte ich vermutlich nach einem Trick gesucht. Nach der einen Methode, die einen morgens aufstehen lässt und denken: heute kann mir niemand was.
So funktioniert es bei mir nicht. Selbstvertrauen ist für mich keine Stimmung, die man herstellt, sondern etwas, das langsam wächst — und zwar an einer ganz bestimmten Stelle.
Das Erste, was mir wirklich geholfen hat, ist die Dichotomie der Kontrolle — die alte stoische Unterscheidung zwischen dem, was in meiner Macht steht, und dem, was nicht. Klingt unspektakulär, ist aber der Hebel gewesen, der mich aus Gedankenspiralen herausholt. Wenn etwas nicht geklappt hat, rutsche ich nicht mehr automatisch in den Selbstzweifel. Ich frage stattdessen: Was lag an mir, an meiner Entscheidung, an meinem Einsatz — und was lag schlicht außerhalb? Das, was außerhalb lag, lege ich beiseite. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil es dort nichts zu reparieren gibt.
Das Zweite ist fast banal und war für mich die größere Arbeit: Dinge anfangen und fertigmachen. Ich habe mich lange mit Perfektionismus herumgeschlagen. Vieles habe ich nicht beendet, weil es nicht gut genug war — und „nicht gut genug“ hieß in Wahrheit oft nur: noch nicht perfekt. Heute mache ich es anders. Ich bringe Dinge erst einmal grob zu Ende und verbessere sie danach. Diese Reihenfolge — erst fertig, dann besser — hat mein Selbstvertrauen mehr gestärkt als jede gelungene Einzelsache. Denn ich beweise mir damit jeden Tag, dass ich liefern kann, auch ohne Garantie auf Makellosigkeit.
Beides hängt für mich an derselben Einsicht. Lob, Erfolg, die Reaktion anderer — das sind Adiaphora, Dinge, die weder gut noch schlecht sind und die ich ohnehin nicht in der Hand habe. Würde ich mein Selbstvertrauen darauf bauen, stünde es auf fremdem Grund. Die Stoiker verlegen den Boden nach innen: in die Prohairesis, die Fähigkeit zu wählen, wie ich urteile und handle. Das ist der einzige Ort, an dem Vertrauen wirklich halten kann, weil er mir nicht weggenommen werden kann.
Dazu kommt die tägliche Arbeit an den vier Tugenden — Mut, Klugheit, Gerechtigkeit und Mäßigung. Mara und ich haben neulich darüber geschrieben, dass es nicht darum geht, eine davon zu maximieren, sondern sie im Gleichgewicht zu halten und Schritt für Schritt auszubauen. Mein aktuelles Training ist der Mut: Mit dem Blog gehe ich vermehrt auf fremde Menschen zu und stehe öffentlich hinter unserem Projekt. Das ist genau die Stelle, an der mein alter Perfektionismus am lautesten wird — und genau deshalb übe ich dort.
Sinngemäß hat Seneca einmal gesagt, dass wir an vielem leiden, weil wir mehr fürchten als nötig und früher fürchten als nötig. Mein Perfektionismus war im Kern das: eine vorweggenommene Angst, nicht zu genügen. Indem ich Dinge fertigmache, bevor sie perfekt sind, nehme ich dieser Angst den Stoff. Mut ist hier keine große Geste, sondern die kleine Entscheidung, etwas trotzdem rauszugeben.
Der beste Weg, Selbstvertrauen aufzubauen, ist für mich also nicht, mir mehr zuzutrauen — sondern den Boden zu wechseln, auf dem es steht. Weg von Ergebnis und Beifall, hin zu dem, was ich tatsächlich verantworte: meine Urteile, mein Dranbleiben, meine Tugenden im Üben. Es ist im Grunde dieselbe Bewegung, die auch das Selbstwertgefühl von innen trägt statt von außen.
Und bei dir — woran merkst du, dass dein Selbstvertrauen auf festem Grund steht: an dem, was gelingt, oder an dem, wie du mit dem umgehst, was nicht gelingt?
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