Kontrolliertes Trinken — was die Stoa zum rechten Maß sagt

Kontrolliertes Trinken — was die Stoa zum rechten Maß sagt

Kontrolliertes Trinken klingt für viele nach einem Widerspruch in sich — entweder man trinkt, oder man lässt es, sagt die landläufige Vorstellung von Sucht. Tatsächlich ist kontrolliertes Trinken ein anerkanntes Konzept der Suchthilfe: eine bewusste Reduktion statt einer erzwungenen Abstinenz, gedacht für Menschen, denen der vollständige Verzicht zu radikal oder gerade nicht der richtige erste Schritt erscheint. Die Stoa hätte dafür eine eigene, viel ältere Antwort parat gehabt: das rechte Maß.

Schon Seneca beschäftigte sich vor knapp zweitausend Jahren mit der Frage, wie viel Wein einem Menschen zusteht — und wann aus geselligem Trinken etwas anderes wird. Dieser Beitrag zeigt, was kontrolliertes Trinken heute bedeutet, wo der Unterschied zwischen bewusstem Genuss und Automatismus liegt, was Seneca dazu schreibt — und was praktisch hilft, wenn das eigene Maß aus dem Blick geraten ist.

Inhaltsverzeichnis

  1. Was kontrolliertes Trinken bedeutet
  2. Wann aus dem einen Glas ein Automatismus wird
  3. Sophrosyne statt Verbot: was Seneca über Maß beim Trinken schreibt
  4. Genuss oder Betäubung: der Unterschied, auf den es ankommt
  5. Was beim kontrollierten Trinken praktisch hilft
  6. Reflexionsfragen
  7. Häufig gestellte Fragen
  8. Weiterlesen auf lichtstim.me

Was kontrolliertes Trinken bedeutet

Kontrolliertes Trinken bezeichnet in der Suchthilfe ein Konzept, das nicht die vollständige Abstinenz, sondern eine bewusste, selbst gesteckte Reduktion des Alkoholkonsums zum Ziel hat. Entwickelt hat es der Psychologe Joachim Körkel als Alternative zu den klassischen, rein abstinenzorientierten Therapieansätzen — gedacht vor allem für Menschen mit einem frühen oder mittleren Alkoholproblem, denen vollständiger Verzicht nicht realistisch oder nicht der richtige erste Schritt erscheint.

Kontrolliertes Trinken ist damit kein laxer Freibrief, sondern verlangt Struktur: klare, vorher festgelegte Grenzen für Menge und Anlass, verbunden mit der ehrlichen Selbstbeobachtung, ob diese Grenzen auch eingehalten werden. Wer sie über längere Zeit nicht einhalten kann, für den ist kontrolliertes Trinken vermutlich nicht der richtige Weg — dazu mehr im Abschnitt „Was praktisch hilft“.

Was in der modernen Suchthilfe als vergleichsweise junges Konzept gilt, ist im Kern eine sehr alte Frage: Wie viel ist genug? Genau dort setzt die stoische Tugend der Sophrosyne an — das Maßhalten, das weder im Verbot noch in der Schrankenlosigkeit besteht.

Wann aus dem einen Glas ein Automatismus wird

Das eine Glas am Abend ist selten das Problem. Problematisch wird es, wenn das Glas nicht mehr eine Entscheidung ist, sondern ein Reflex — wenn es zur Feierabend-Uhrzeit gehört wie das Ablegen der Jacke, ohne dass vorher noch eine Frage gestellt wird.

Der Unterschied lässt sich an einer einfachen Beobachtung festmachen: Bei bewusstem Genuss gibt es einen kurzen Moment des Innehaltens davor — eine, oft unbewusste, Abwägung, ob man jetzt wirklich möchte. Beim Automatismus fehlt dieser Moment. Die Hand greift zum Glas, bevor der Gedanke überhaupt fertig ist.

Diese Beobachtung ist aufschlussreicher als jede Zahl. Wie viele Gläser jemand trinkt, sagt wenig darüber aus, ob es sich um Genuss oder Gewohnheit handelt — entscheidend ist, ob die Entscheidung noch bei einem selbst liegt oder längst der Gewohnheit überlassen wurde.

Sophrosyne statt Verbot: was Seneca über Maß beim Trinken schreibt

In seinem 83. Brief an Lucilius nimmt sich Seneca genau diesem Thema an. Trunkenheit nennt er darin, frei übertragen, einen freiwilligen Wahnsinn — voluntaria insania — nicht, weil ein Glas Wein an sich schädlich wäre, sondern weil Trunkenheit jedes Laster, das sonst verborgen bleibt, ans Licht bringt und die Scham wegnimmt, die sonst vor unbedachten Taten schützt.

Wichtig ist, was Seneca nicht schreibt: ein pauschales Verbot des Weins. Sein Maßstab liegt woanders — bei der Wiederholung und beim Kontrollverlust. Der Weise, so beschreibt er es sinngemäß, trinkt aus Geselligkeit mit, wenn ein Anlass es nahelegt, hält aber inne, bevor daraus Trunkenheit wird. Nicht das Trinken selbst ist das Problem, sondern der Punkt, an dem man aufhört, selbst zu entscheiden.

Das ist die stoische Tugend der Sophrosyne in Reinform: nicht Enthaltsamkeit um ihrer selbst willen, sondern die Fähigkeit, mitten im Genuss die eigene Grenze noch zu kennen und zu halten. Kontrolliertes Trinken, wie es die moderne Suchthilfe beschreibt, verlangt im Grunde genau das — nur mit dem Vokabular unserer Zeit statt dem der Stoa.

Genuss oder Betäubung: der Unterschied, auf den es ankommt

Es lohnt sich, beim Trinken auf die Richtung zu achten. Genuss führt zu etwas hin: zu einem geteilten Abend, einem guten Essen, einem Moment der Entspannung, der danach abgeschlossen ist. Betäubung führt von etwas weg: von Anspannung, Einsamkeit, einem Gefühl, dem man lieber nicht begegnen möchte — und danach ist das Ungelöste noch da, nur die Wahrnehmung war für eine Weile gedämpft.

Dieselbe Menge Wein kann beides sein, je nachdem, wovon sie ablenkt oder wozu sie hinführt. Die ehrliche Frage ist deshalb nicht in erster Linie „Wie viel trinke ich?“, sondern „Wovon trinke ich mich gerade weg?“

Wer diese Frage ehrlich beantwortet, muss nicht sofort etwas ändern. Aber er weiß danach, woran er ist — und das allein verändert oft schon, wie automatisch die Hand beim nächsten Mal zum Glas greift.

Was beim kontrollierten Trinken praktisch hilft

Aus der Haltung lassen sich konkrete Schritte ableiten, die sich mit dem Ansatz des kontrollierten Trinkens decken:

  • Grenzen vorher festlegen, nicht währenddessen. Eine bewusste Zahl oder ein bewusstes Ende vor dem ersten Glas entscheiden — nicht erst, wenn schon getrunken wird.
  • Die Pause vor dem Griff einbauen. Ein Glas Wasser dazwischen, ein kurzer Moment des Innehaltens, bevor das nächste Glas eingeschenkt wird — genau der Moment, der beim Automatismus fehlt.
  • Anlässe von Gewohnheit trennen. Ein Glas zu einem echten Anlass ist etwas anderes als ein Glas, weil gerade Feierabend ist. Wer beides unterscheidet, sieht schneller, wo die Automatik beginnt.
  • Ehrlich Buch führen. Wer über zwei, drei Wochen notiert, wie oft die vorher gesteckte Grenze tatsächlich eingehalten wurde, bekommt eine nüchterne statt eine gefühlte Antwort.

Kontrolliertes Trinken ist als Konzept ausdrücklich für Menschen mit einem frühen oder mittleren Alkoholproblem gedacht — nicht für jeden, der einmal reduzieren möchte, und erst recht nicht als Ersatz für eine fachliche Einschätzung bei stärkerer Abhängigkeit. Wer merkt, dass selbst gesteckte Grenzen wiederholt nicht eingehalten werden können, oder wer bereits Entzugserscheinungen kennt, sollte das mit einer Suchtberatungsstelle besprechen statt allein daran zu arbeiten. Die Sucht & Drogen Hotline (01806 313031, rund um die Uhr erreichbar) und das BZgA-Infotelefon zur Suchtvorbeugung (0221 89 20 31) vermitteln beide auch die passende Beratungsstelle vor Ort.

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Häufig gestellte Fragen

Was bedeutet kontrolliertes Trinken?

Kontrolliertes Trinken ist ein Konzept aus der Suchthilfe, das nicht vollstaendige Abstinenz, sondern eine bewusste, selbst gesteckte Reduktion des Alkoholkonsums zum Ziel hat. Entwickelt wurde es vom Psychologen Joachim Koerkel als niedrigschwellige Alternative fuer Menschen mit einem fruehen oder mittleren Alkoholproblem.

Wie funktioniert kontrolliertes Trinken im Alltag?

Im Kern geht es darum, vor dem Trinken klare Grenzen fuer Menge und Anlass festzulegen und ehrlich zu beobachten, ob diese Grenzen eingehalten werden. Stoisch gesprochen ist das eine Uebung in Sophrosyne, dem Masshalten, das die eigene Kontrolle bewahrt, statt sie der Gewohnheit zu ueberlassen.

Ist es besser, Alkohol zu reduzieren oder ganz aufzuhoeren?

Das haengt vom Ausgangspunkt ab. Fuer ein fruehes oder mittleres Alkoholproblem kann Reduktion ein realistischer erster Schritt sein, bei staerkerer Abhaengigkeit oder bereits erlebten Entzugserscheinungen ist vollstaendige Abstinenz meist der sicherere Weg. Eine Suchtberatungsstelle kann diese Einschaetzung im Einzelfall treffen.

Was hilft gegen das Verlangen nach Alkohol?

Hilfreich ist, die Entscheidung vor das Verlangen zu legen: eine feste Grenze, bevor das erste Glas eingeschenkt wird, ein bewusster Moment des Innehaltens davor und die ehrliche Frage, ob man gerade geniesst oder sich von etwas wegtrinkt. Bei starkem, wiederkehrendem Verlangen ist fachliche Unterstuetzung sinnvoll.

Ist kontrolliertes Trinken fuer jeden geeignet?

Nein. Es ist als Angebot fuer Menschen mit einem fruehen oder mittleren Alkoholproblem gedacht, nicht als allgemeiner Ratgeber fuer jeden, der etwas weniger trinken moechte, und nicht als Ersatz fuer eine fachliche Abklaerung. Wer selbst gesteckte Grenzen wiederholt nicht einhalten kann, sollte sich an eine Suchtberatungsstelle wenden.

Weiterlesen auf lichtstim.me

Quellen und Einordnung

  • Seneca, Epistulae Morales ad Lucilium, Brief 83 — Trunkenheit als „freiwilliger Wahnsinn“ (voluntaria insania); nicht das Trinken selbst, sondern Wiederholung und Kontrollverlust sind der Maßstab; der Weise trinkt aus Geselligkeit mit, hält aber vor der Trunkenheit inne.
  • Konzept „Kontrolliertes Trinken“ (Joachim Körkel) — harm-reduction-orientierte Alternative zur abstinenzorientierten Suchthilfe, für Menschen mit frühem oder mittlerem Alkoholproblem.
  • Einordnung — dieser Beitrag ist eine philosophische Perspektive, keine Diagnose und kein Therapieersatz. Bei Kontrollverlust oder Entzugserscheinungen sind Suchtberatungsstellen sowie die Sucht & Drogen Hotline (01806 313031) die richtigen Anlaufstellen.

Die antike Stelle ist frei übertragen wiedergegeben und quellenbezogen eingeordnet; sie ersetzt keine wörtliche Übersetzung einer bestimmten Ausgabe.

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