Sich Sorgen machen — was wirklich in deiner Hand liegt

Sich Sorgen machen — was wirklich in deiner Hand liegt

Sich Sorgen machen fühlt sich an wie Handeln. Man denkt eine Situation immer wieder durch, dreht sie in verschiedene Richtungen, sucht nach dem Haken, den man noch übersehen haben könnte. Es fühlt sich an wie Vorsorge, wie Vorbereitung. Dabei ist es meistens nur eines: ein Gedanke, der sich im Kreis dreht, ohne dass sich an der Sache selbst etwas ändert.

Die Stoiker haben sich mit genau diesem Phänomen beschäftigt, lange bevor es einen klinischen Namen dafür gab. Ihre Antwort ist unbequem, aber im Kern einfach: Fast immer leiden wir mehr unter dem, was wir uns ausmalen, als unter dem, was tatsächlich geschieht. Und fast immer lässt sich prüfen, was von einer Sorge wirklich in der eigenen Hand liegt — und was von Anfang an nie dort war.

Inhaltsverzeichnis

  1. Sich Sorgen machen: was es ist — und was es nicht ist
  2. Wir leiden öfter in der Vorstellung als in der Wirklichkeit
  3. Wenn Sorge sich verselbstständigt: Katastrophisieren
  4. Was wirklich in deiner Hand liegt
  5. Persönlich — Mara & Elias: Vom Spickzettel zum Vertrauen
  6. Weniger sich sorgen machen, mehr handeln
  7. Reflexionsfragen
  8. Häufig gestellte Fragen
  9. Weiterlesen auf lichtstim.me

Sich Sorgen machen: was es ist — und was es nicht ist

Nicht jede Sorge ist unnötig. Wer sich vor einem wichtigen Termin Gedanken macht, was er sagen will, und sich deshalb ein paar Stichpunkte notiert, sorgt sinnvoll vor. Die Sorge mündet in eine Handlung, und danach ist sie erledigt. Genau das unterscheidet Vorsorge von dem, worum es in diesem Beitrag geht: dem Sich-Sorgen-Machen, das sich von der Handlung abgekoppelt hat und einfach weiterläuft.

Dieses zweite Sorgen erkennt man daran, dass es nichts mehr vorbereitet. Man hat den Zettel längst geschrieben, das Gespräch längst durchdacht — und denkt trotzdem weiter daran, weil das Denken selbst zur Gewohnheit geworden ist. Es fühlt sich an, als würde man etwas tun. Tatsächlich passiert nichts außer einer Wiederholungsschleife im Kopf.

Die Grenze zwischen beidem ist selten scharf. Eine Frage hilft aber fast immer weiter: Führt dieser Gedanke gerade zu einem nächsten Schritt — oder dreht er sich nur um sich selbst? Wer sich das ehrlich beantwortet, hat oft schon die halbe Antwort auf die eigene Sorge gefunden.

Wir leiden öfter in der Vorstellung als in der Wirklichkeit

Seneca schreibt in einem seiner Briefe an Lucilius, frei übertragen: Es gibt mehr Dinge, die uns erschrecken, als solche, die uns tatsächlich treffen. Wir leiden öfter in der Vorstellung als in der Wirklichkeit. Der Brief trägt im Original den Titel „Über grundlose Ängste“. Er ist im Kern eine sehr frühe Beschreibung dessen, was heute als Grübeln oder Sorgenspirale bekannt ist.

Seneca unterscheidet dabei drei Arten, wie eine Sorge zu viel Raum einnehmen kann. Manches quält uns stärker, als es die Sache selbst rechtfertigt. Manches quält uns bereits, bevor überhaupt feststeht, ob es eintrifft. Und manches quält uns, obwohl es uns eigentlich gar nicht betreffen sollte. Alle drei Formen haben eines gemeinsam: Sie verlagern das Leiden aus der Zukunft, wo es vielleicht nie stattfindet, in die Gegenwart. Dort findet es ganz sicher statt — nämlich jetzt, in Form der Sorge selbst.

Das ist keine Aufforderung, Risiken zu ignorieren. Es ist eine nüchterne Beobachtung: Die Vorstellung eines schlimmen Ausgangs kostet in aller Regel mehr Kraft, als der tatsächliche Ausgang je kosten würde. Das gilt selbst dann, wenn er eintritt. Und meistens tritt er ohnehin anders ein, als man ihn sich ausgemalt hat.

Wenn Sorge sich verselbstständigt: Katastrophisieren

Es gibt einen Punkt, an dem aus normaler Sorge etwas anderes wird. In der modernen Psychologie heißt das Katastrophisieren: das gedankliche Vorwegnehmen des schlimmstmöglichen Ausgangs, oft zusätzlich verbunden mit der Annahme, man könnte damit ohnehin nicht umgehen. Aus „das könnte schwierig werden“ wird „das wird eine Katastrophe, und ich werde daran zerbrechen“.

Der Kipppunkt lässt sich meistens an einem Gefühl erkennen. Die Gedanken laufen dann nicht mehr, um etwas zu klären, sondern weil sie einmal in Gang gekommen sind. Genau an dieser Stelle beginnt das, was auf lichtstim.me an anderer Stelle ausführlicher behandelt wird — das Gedankenkarussell. Dieser Beitrag hier bleibt bewusst eine Stufe davor: bei der Sorge, kurz bevor sie kippt, und bei der Frage, wie man das Kippen überhaupt bemerkt.

Das Bemerken selbst ist schon die halbe Arbeit. Wer registriert „ich denke das jetzt zum zehnten Mal, und es wird dadurch nicht klarer“, hat den Automatismus bereits unterbrochen. Das allein löst noch nichts. Aber es öffnet den Raum für die eigentliche Frage, die im nächsten Abschnitt steht.

Was wirklich in deiner Hand liegt

Epiktet stellt an den Anfang seines Handbüchleins eine Unterscheidung, die für kaum ein Thema so direkt passt wie für die Sorge. Manches liegt in unserer Macht, anderes nicht. In unserer Macht liegen sinngemäß unsere Urteile, unser Streben, unser Wollen und Ablehnen — kurz, alles, was unser eigenes Tun ist. Nicht in unserer Macht liegen der Körper, der Besitz, der Ruf, kurz: alles, was nicht unser eigenes Tun ist.

Auf eine Sorge angewendet, heißt das: Es gibt fast immer einen Teil, der tatsächlich in der eigenen Hand liegt. Ein Gespräch suchen, sich vorbereiten, eine Frage stellen, eine Entscheidung treffen. Und es gibt einen Teil, der es nie war — wie die andere Person reagiert, wie ein Amt entscheidet, was der Befund zeigen wird. Die Sorge behandelt beide Teile meistens wie einen einzigen großen Klumpen. Die Dichotomie trennt sie.

Für den ersten Teil lässt sich fast immer ein nächster, konkreter Schritt finden. Für den zweiten Teil bleibt nur eine Entscheidung. Nicht die Entscheidung, dass nichts Schlimmes passieren wird, sondern die Entscheidung, das Grübeln über etwas Unbeeinflussbares nicht weiter zu füttern.

Das ist etwas anderes als premeditatio malorum, die stoische Übung, sich morgens bewusst und zeitlich begrenzt mit möglichen Schwierigkeiten des Tages zu befassen. Premeditatio malorum ist ein Werkzeug, das man sich vornimmt und dann wieder weglegt. Sorge, wie sie in diesem Beitrag gemeint ist, ist das Gegenteil: ein Gedanke, der sich einem aufdrängt und nicht von selbst aufhört. Der Unterschied liegt nicht im Inhalt, sondern darin, wer die Kontrolle über Beginn und Ende hat.

Persönlich — Mara & Elias: Vom Spickzettel zum Vertrauen

Es gab die ein oder andere Situation, in der es mir — oder auch uns — so ging. Das haben wir zwischenzeitlich festgestellt und können es mittlerweile auch recht gut mit Humor nehmen. Wie viele Sorgen wir uns an der ein oder anderen Stelle unnötigerweise gemacht haben. Vor allem in der Anfangszeit unserer Neuorientierung, ganz allgemein gesprochen — gerade und vor allem, wenn es um Termine mit Autoritätspersonen ging, mit Ämtern, Behörden, Ärzten. Was sagt man, wie sagt man es am besten. Da haben wir uns teilweise sogar ganze Spickzettel notiert oder vorbereitete Sätze mitgenommen.

Heute reichen da ein paar Stichworte, wenn überhaupt. Nach und nach hat man gemerkt, dass man sich viel zu viele Gedanken gemacht hat, teilweise auch Sorgen. Und am Ende kam es eh anders als erwartet.

Die Erfahrung dahingehend, und auch das zurückkehrende Selbstvertrauen, helfen enorm dabei, sich nicht zu viele Gedanken und Sorgen zu machen. Genauso hilft die Prüfung, was davon überhaupt in der eigenen Hand liegt und was man gar nicht beeinflussen kann. Ehrlich und offen sprechen, reflektieren und schauen, was man davon selbst beeinflussen kann. Genau das zu prüfen hilft, sich nicht zu viele, vor allem unnötige Gedanken und Sorgen zu machen.

Oft malt man es sich in Gedanken viel dramatischer oder schlimmer aus, als es tatsächlich kommen wird. Zu registrieren, wann es ins Gedankenkarussell umkippt, ist enorm wichtig. Und in letzter Konsequenz ist ja jeder selbst am Steuer, was Vorstellungen und Gedankenrichtung angeht. Da tut man sich keinen Gefallen, wenn man zerdenkt oder den Fokus auf die negativen Szenarien lenkt, statt nach Chancen und Lösungen Ausschau zu halten.

— Mara & Elias

Weniger sich sorgen machen, mehr handeln

An diesem Bericht lässt sich gut sehen, wie sich die Dichotomie im Alltag anwenden lässt. Nicht als einmalige Einsicht, sondern als etwas, das mit Übung leichter wird. Was zu Beginn einen Spickzettel brauchte, braucht später nur noch ein Stichwort, weil sich das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit aufgebaut hat.

Ein paar Bewegungen daraus lassen sich unabhängig vom konkreten Anlass üben:

  • Trennen statt bündeln. Schreib auf, was an einer Sorge tatsächlich dein eigenes Handeln betrifft, und was allein bei jemand anderem oder beim Zufall liegt. Zwei Spalten reichen.
  • Für den beeinflussbaren Teil einen Schritt finden. Nicht den ganzen Plan — nur den nächsten Schritt, der heute möglich ist.
  • Den Kipppunkt kennenlernen. Der Moment, in dem ein Gedanke zum zehnten Mal auftaucht, ohne neue Information zu liefern, ist das Signal, ihn bewusst zu unterbrechen statt ihm weiter zuzuhören.
  • Die Gedankenrichtung als eigene Entscheidung behandeln. Der Blick auf Chancen und mögliche Lösungen ist genauso eine Wahl wie der Blick auf das schlimmste Szenario — nur dass die eine Wahl weiterhilft und die andere nicht.

Keine dieser Bewegungen macht eine echte Schwierigkeit kleiner. Sie verhindert nur, dass aus einer Schwierigkeit zusätzlich noch eine zweite wird — die selbstgemachte, die im Kopf stattfindet, während die erste vielleicht nie eintritt.

Reflexionsfragen

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Häufig gestellte Fragen

Was bedeutet ’sich Sorgen machen‘?

Sich Sorgen machen bedeutet, sich gedanklich wiederholt mit einem moeglichen negativen Ereignis in der Zukunft zu beschaeftigen, ohne dass es bereits eingetreten ist. Anders als akute Angst vor einer konkreten Gefahr richtet sich Sorge auf etwas, das noch nicht feststeht – und oft auch gar nicht so eintritt, wie man es sich ausmalt.

Ist es sinnvoll, sich Sorgen zu machen?

Ein Stueck weit ja: Vorsorge, die zu konkretem Handeln fuehrt, ist sinnvoll. Problematisch wird es, wenn die Sorge zum Selbstzweck wird – wenn sie sich um etwas dreht, das gar nicht in der eigenen Hand liegt, oder laenger andauert als jede sinnvolle Vorbereitung braeuchte.

Was kann man tun, wenn man sich staendig Sorgen macht?

Hilfreich ist die Pruefung, was am Gegenstand der Sorge tatsaechlich in der eigenen Hand liegt und was nicht. Fuer den beeinflussbaren Teil laesst sich ein konkreter naechster Schritt finden. Fuer den Rest bleibt nur, ihn bewusst loszulassen – das faellt leichter, wenn man es als eigene Entscheidung erkennt statt als etwas, das einem einfach passiert.

Was bedeutet es, wenn man sich immer zu viele Sorgen macht?

Wenn Sorgen dauerhaft und unabhaengig vom tatsaechlichen Anlass auftreten, deutet das eher auf ein eingeuebtes Denkmuster hin als auf besonders viele reale Gefahren. Haelt der Zustand ueber Wochen an und schraenkt den Alltag spuerbar ein, ist das ein Hinweis, sich Unterstuetzung zu suchen, etwa bei einer Hausarztpraxis oder in einer Psychotherapie – anhaltende, kaum kontrollierbare Sorge kann auch Ausdruck einer generalisierten Angststoerung sein.

Was sind katastrophische Gedanken?

Katastrophisieren bezeichnet das gedankliche Vorwegnehmen des schlimmstmoeglichen Ausgangs einer Situation, oft verbunden mit der Annahme, man koenne damit nicht umgehen. Es ist eine Steigerungsform von Sorge: Aus ‚das koennte schwierig werden‘ wird ‚das wird eine Katastrophe‘.

Weiterlesen auf lichtstim.me

Quellen und Einordnung

  • Seneca, Epistulae Morales ad Lucilium 13,4–5 („Über grundlose Ängste“) — Kernstelle: Wir leiden öfter in der Vorstellung als in der Wirklichkeit; drei Formen unnötigen Leidens (mehr als es sollte, bevor es sollte, obwohl es gar nicht sollte).
  • Epiktet, Handbüchlein der Moral (Encheiridion) 1 — die Dichotomie der Kontrolle: was in unserer Macht liegt (Urteile, Streben, Wollen) und was nicht (Körper, Besitz, Ruf, das Verhalten anderer).
  • Einordnung — dieser Beitrag ersetzt keine fachliche Abklärung. Bei anhaltender, kaum kontrollierbarer Sorge über Wochen können Hausarztpraxen und psychotherapeutische Praxen eine generalisierte Angststörung abklären.

Die antike Stelle ist sinngemäß wiedergegeben und quellenbezogen eingeordnet; sie ersetzt keine wörtliche Übersetzung einer bestimmten Ausgabe.

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Ein Kommentar zu „Sich Sorgen machen — was wirklich in deiner Hand liegt“

  1. Annett

    Endlich seid ihr wieder da… Ich habe euch vermisst.
    Danke 🙏 für eure tollen Beiträge.

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