Welche veraltete Technik vermisst du am meisten – und warum?
Welche veraltete Technik ich am meisten vermisse — die Frage trifft bei mir auf jemanden, der vieles davon gar nicht erst weggelegt hat.
Ich bin an der ein oder anderen Stelle ganz bewusst old school geblieben. Ich schreibe noch Briefe und Postkarten. Bei mir steht ein Plattenspieler, und die Platten dazu sind keine Deko. Ich lese Bücher, keine E-Books. Ich habe eine Polaroid-Kamera, deren Bilder ich in mein Tagebuch klebe, und ich trockne Blumen, um mir einen Moment aufzuheben. Selbst mein Morgenkaffee läuft durch einen Filteraufsatz auf einer Keramikkanne, nicht auf Knopfdruck.
Das ist kein Protest gegen das Neue. Es ist eine Vorliebe für das, was diese Dinge mit mir machen. Ja, manches davon dauert länger. Aber genau das ist das Schöne daran. Es macht aufmerksamer. Achtsamer. Bewusster. Und gerade in dieser schnelllebigen Zeit schätze ich das sehr.
Wenn ich ehrlich bin, vermisse ich also weniger eine bestimmte Technik als das, was langsamere Technik erzwingt: dass ich dabei bin. Eine Platte spiele ich zu Ende, ich überspringe nicht nach dreißig Sekunden. Ein Brief zwingt mich, einen Gedanken wirklich zu Ende zu denken, bevor ich ihn abschicke. Der Kaffee, der ein paar Minuten braucht, sind ein paar Minuten, die mir gehören.
Die Stoiker haben für diese Haltung ein Wort, das nach Verzicht klingt, aber keiner ist: Sophrosyne — das rechte Maß. Gemeint ist nicht, weniger zu haben, sondern bewusster mit dem umzugehen, was da ist. Der langsame Weg ist nicht deshalb besser, weil er langsam ist. Er ist besser, weil er mich zwingt hinzusehen, statt durchzurauschen.
Manchmal treibe ich diesen Gedanken sogar zu weit, das gebe ich zu. Es gibt Tage, an denen ich mir ernsthaft die Pferdekutschen zurückwünsche statt der Autos. Wenn ich darüber nachdenke, wie mühelos wir heute jede Distanz überbrücken, kommt mir das fast zu schnell vor. In einem Notfall bin ich für jede Minute dankbar, keine Frage. Aber in vielem anderen täte ein bisschen mehr Verweilen und ein bisschen weniger Hetzen gut. Wir stressen uns ohnehin schon über die Maßen.
Und hier wird mir selbst klar, dass es nicht wirklich um die Kutsche geht. Marc Aurel notiert dem Sinn nach, dass wir nicht die Zeit fürchten sollten, die wir haben, sondern wie achtlos wir mit ihr umgehen — als stünde unbegrenzt davon zur Verfügung. Das Auto ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass die gewonnene Zeit selten irgendwo ankommt. Sie wird sofort mit dem Nächsten gefüllt.
Deshalb ist mein Vinyl, mein Brief, meine Keramikkanne im Grunde kein Blick zurück. Es ist eine kleine Gegenbewegung im Alltag. Wo ich kann, entschleunige ich mich und den Tag bewusst, statt durchs Leben zu rennen und nichts davon mitzubekommen, weil alles zu schnell vorbeizieht. Die alte Technik ist dabei nur das Werkzeug. Die Haltung dahinter könnte ich auch mit dem modernsten Gerät haben — sie fällt mir mit dem langsamen bloß leichter.
Vielleicht ist das die ehrlichste Antwort auf die Frage: Ich vermisse keine bestimmte Technik. Ich vermisse das Tempo, das sie mir aufgezwungen hat, und hole es mir dort zurück, wo es geht.
Und dich würde ich gern fragen: Gibt es etwas Langsames, das du dir bewusst bewahrt hast — und merkst du, dass es weniger um das Ding geht als um die Zeit, die es dir zurückgibt?
— Mara

Kommentar verfassen