Frage 60 – Was sind meine 3 Kernwerte – lebe ich sie?

Ohne Kompass bist du verloren. Ohne Werte auch. Du kannst beschäftigt sein, produktiv wirken, jeden Tag etwas tun – und trotzdem nirgendwo ankommen. Weil du nicht weißt, wohin du eigentlich willst. Die stoische Frage 60 geht genau dorthin: Was sind meine 3 Kernwerte – und lebe ich sie wirklich?

Nicht: Welche Werte klingen gut. Sondern: Welche Werte leiten tatsächlich meine Entscheidungen – und wenn nicht, warum nicht?


Das Prinzip: Werte als innerer Kompass

Die Stoiker wussten: Ein gutes Leben braucht Klarheit. Nicht über Ziele – die ändern sich. Sondern über Werte. Werte sind das, was bleibt, wenn alles andere wackelt. Sie sind die Antwort auf die Frage: Wofür stehe ich – egal was passiert?

Seneca formulierte das so nüchtern wie kaum jemand danach:

„Wenn ein Mensch nicht weiß, welchen Hafen er ansteuert, ist kein Wind der richtige.“

sinngemäß nach Seneca, Briefe an Lucilius

Dabei geht es nicht um zehn Werte oder eine schöne Liste. Sondern um drei – die, die wirklich tragen. Ziele liegen außen und können scheitern. Werte liegen innen und lassen sich immer leben.


Warum die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit entsteht

Die meisten Menschen haben eine Vorstellung davon, was ihnen wichtig ist. Ehrlichkeit. Familie. Wachstum. Freiheit. Das Problem ist nicht fehlendes Bewusstsein – es ist die Lücke zwischen dem, was wir sagen, und dem, was unsere Entscheidungen zeigen.

Wer sagt, Familie sei wichtig, aber 60 Stunden die Woche arbeitet und abends zu erschöpft zum Reden ist – lebt in dieser Lücke. Das ist keine Kritik, sondern eine Beobachtung. Und die stoische Haltung dazu ist: Entweder ändere das Verhalten – oder gib ehrlich zu, dass dir gerade etwas anderes wichtiger ist. Beides ist möglich. In der Mitte zu bleiben zermürbt.

Marcus Aurelius schrieb seine Selbstbetrachtungen nicht für andere – sondern um sich täglich daran zu erinnern, wie er sich verhalten wollte. Das war sein Kompass. Nicht als Perfektion, sondern als bewusste Ausrichtung.


Die Übung: Meine 3 Kernwerte (10 Min)

  1. Sammeln (3 Min): Schreibe 5–7 Werte auf, die dir wichtig sind – spontan, ohne Nachdenken. Ehrlichkeit, Freiheit, Familie, Wachstum, Mitgefühl, Mut, Gesundheit, Kreativität – was auch immer sich zeigt.
  2. Reduzieren (4 Min): Welche 3 sind absolut unverzichtbar? Stell dir vor, du müsstest alle anderen aufgeben – welche 3 bleiben übrig? Das sind deine Kernwerte.
  3. Ehrlichkeits-Check (3 Min): Frage bei jedem der 3: „Lebe ich das wirklich – oder wünsche ich nur, es wäre mir wichtig?“ Zeigen deine Entscheidungen der letzten Woche diese Werte?

Beispiele aus dem Alltag

Wert: Ehrlichkeit

Check: „Letzte Woche habe ich meinem Chef gesagt, die Arbeit sei fast fertig – obwohl ich noch nicht angefangen hatte.“
Erkenntnis: „Ich will ehrlich sein, lebe es aber nicht konsequent. Besonders nicht mit mir selbst.“
Nächster Schritt: „Diese Woche einmal die Wahrheit sagen, auch wenn es unangenehm ist.“

Wert: Freiheit

Check: „Ich sage, Freiheit ist mir wichtig – aber ich sage Ja zu Dingen, die ich nicht will, aus Angst vor Ablehnung.“
Erkenntnis: „Ich bin Sklave meiner Gewohnheiten, nicht frei von ihnen.“
Nächster Schritt: „Diese Woche einmal bewusst Nein sagen zu etwas, das nicht meiner Freiheit dient.“

Wert: Wachstum

Check: „Ich sage, Wachstum ist mir wichtig – aber ich vermeide unbequeme Gespräche und bleibe in meiner Komfortzone.“
Erkenntnis: „Ich rede über Wachstum, wachse aber nicht wirklich.“
Nächster Schritt: „Diese Woche eine Sache tun, die mich herausfordert.“


Reflexionsfrage zum Mitnehmen:

Gibt es einen Wert, von dem du sagst, er ist dir wichtig – und bei dem du beim genauen Hinschauen merkst, dass deine Entscheidungen der letzten Woche etwas anderes zeigen?


Weiter im Thema:

→ Frage 65 – Wofür lebe ich – was ist mein Warum?

→ Stoizismus – Alles, was du wissen musst

→ 30 stoische Praktiken für den Alltag


© Mara & Elias – Stoische 66


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Weiter im Stoizismus

→ Was ist Stoizismus? – Überblick und Einstieg

→ 66 Stoische Mythen – die häufigsten Missverständnisse

→ 66 Stoische Fragen – Reflexionsfragen für den Alltag

→ 30 Stoische Praktiken – konkrete Übungen für den Alltag


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4 responses to “Frage 60 – Was sind meine 3 Kernwerte – lebe ich sie?”

  1. Danke für den Beitrag.

    Wir sind unser Leben lang auf dem Weg und als Menschen auch unvollkommen. Ich finde es wichtig, sich von der Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit nicht entmutigen zu lassen.

    Mir hat es im ersten Schritt geholfen mich selbst besser kennenzulernen. Deine Übungen können auf diesem Weg bestimmt viele Erkenntnisse liefern.

    Der zweite Schritt ist jedoch mindestens ebenso wichtig: Barmherzig mit dem Vorgefundenen „Selbst“ umzugehen.

    Wenn der zweite Schritt gelingt, fällt der dritte Schritt leichter: Der barmherzige Umgang mit Menschen, die nicht den eigenen Ansprüchen entsprechen.

    Einen Wunsch hätte ich noch an Dich: Könntest Du Deine Übung für mich am Beispiel „Frieden“ erläutern?

    1. 💬 Lieber Pettersson,
      vielen Dank für deinen wertvollen Kommentar und deine Frage! Du hast nach einem konkreten Beispiel gefragt – hier ist die Übung aus Frage 60 am Beispiel „Frieden“ als Kernwert:

      🕊️ WERT: FRIEDEN
      Die Frage: „Lebe ich das wirklich?“

      Ehrlicher Check:

      Innerer Frieden:
      „Ich sage, Frieden ist mir wichtig – aber ich scrolle jeden Abend durch Nachrichten, die mich aufwühlen. Ich liege nachts wach und grübel über Dinge, die ich nicht ändern kann. Mein Kopf dreht sich im Kreis. Ich kämpfe ständig gegen mich selbst: gegen meine Fehler, gegen meine Ängste, gegen das Gefühl, nie genug zu sein.“

      Äußerer Frieden:
      „Ich sage, friedliches Miteinander ist mir wichtig – aber ich gehe in jeden Konflikt mit Verteidigungshaltung. Ich trage Groll mit mir herum, statt loszulassen. Ich vermeide schwierige Gespräche, statt sie zu klären. Ich bin schnell gereizt, wenn andere nicht meinen Erwartungen entsprechen.“

      Mit mir selbst:
      „Ich sage, ich will im Frieden mit mir sein – aber mein innerer Kritiker ist gnadenlos. Ich verurteile mich für jeden Fehler. Ich vergleiche mich ständig mit anderen. Ich bin mein größter Feind.“

      Erkenntnis:
      „Ich WILL Frieden – aber ich lebe ihn nicht konsequent. Weder mit mir selbst, noch mit anderen, noch mit der Welt. Ich investiere mehr Energie in Unfrieden (Grübeln, Groll, Selbstkritik) als in Frieden (Loslassen, Vergebung, Selbstmitgefühl).“

      Nächster Schritt:
      Diese Woche – drei konkrete Übungen:

      1. Innerer Frieden:
      „Einmal bewusst stoppen, wenn die Gedanken kreisen. Tief atmen. Mir sagen: ‚Das liegt nicht in meiner Kontrolle. Ich lasse los.’“

      2. Äußerer Frieden:
      „Ein schwieriges Gespräch führen, das ich vermeide. Oder: Jemandem vergeben – nicht für ihn, sondern für meinen eigenen Frieden.“

      3. Frieden mit mir:
      „Einmal bewusst freundlich zu mir selbst sein. Bei einem Fehler sagen: ‚Ich bin ein Mensch. Ich lerne. Das ist genug.’“

      → Marcus Aurelius: „Nirgends finden wir eine so friedliche Zuflucht als in der eigenen Seele – vorausgesetzt, man trägt in sich die rechten Grundsätze.“
      → Epiktet: „Nicht die Dinge selbst beunruhigen uns – sondern unsere Meinungen über die Dinge.“
      → Seneca: „Erkenne die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit – dann kannst du sie schließen.“

      💡 WARUM DIESE ÜBUNG FUNKTIONIERT:
      1. KONKRET STATT ABSTRAKT
      „Frieden“ klingt schön – aber was heißt das für dich?
      Die Übung zwingt dich, konkret zu werden:

      „Frieden ist für mich: Nachts ruhig schlafen.“
      „Frieden ist für mich: Nicht mehr diese Spannung im Bauch bei Konflikten.“
      „Frieden ist für mich: Mit mir im Reinen sein.“

      → Erst wenn du weißt, was Frieden FÜR DICH bedeutet, kannst du ihn leben.

      2. EHRLICHKEIT SCHAFFT KLARHEIT
      Die Lücke zwischen „Ich will Frieden“ und „Ich lebe Unfrieden“ zu sehen, tut weh.
      Aber sie ist heilsam.
      Seneca: „Wir leiden mehr in der Vorstellung als in der Wirklichkeit.“
      Solange du dir vorgaukelst, du lebst bereits in Frieden, kannst du nichts ändern.
      → Ehrlichkeit ist der erste Schritt zur Veränderung.

      3. KLEINE SCHRITTE STATT PERFEKTION
      Nicht: „Ab morgen bin ich perfekt friedlich!“
      Sondern: „Diese Woche übe ich einmal bewusst.“
      Epiktet: „Wenn du vom Weg abkommst, kehre ruhig zurück. Verharre nicht im Selbstvorwurf.“
      Marcus Aurelius: „Sei freundlich zu dir selbst. Du bist ein Mensch.“
      → Kleine Schritte. Barmherzig. Beständig.

      🏛️ DEINE DREI SCHRITTE + STOISCHE PRINZIPIEN:
      Du hast in deinem Kommentar drei Schritte beschrieben, die perfekt zur stoischen Lehre passen:

      1. Sich selbst kennenlernen = Selbsterkenntnis (Gnōthi seauton)
      „Erkenne dich selbst“ – Sokrates & die Stoiker
      Die Übung fragt: „Was bedeutet Frieden FÜR MICH?“
      Das ist Selbsterkenntnis.

      2. Barmherzig mit sich selbst = Selbstmitgefühl
      „Sei freundlich zu dir – du bist ein Mensch“ – Marcus Aurelius
      Die Übung fragt: „Wo darf ich unperfekt sein?“
      Das ist Selbstmitgefühl.

      3. Barmherzig mit anderen = Oikeiosis (Verbundenheit)
      „Menschen sind füreinander geboren“ – Marcus Aurelius
      Die Übung fragt: „Kann ich vergeben? Kann ich loslassen?“
      Das ist Mitgefühl.
      → Du hast die stoische Lehre perfekt zusammengefasst!

      💚 ZUSAMMENFASSUNG:
      Wenn „Frieden“ dein Kernwert ist:
      Schritt 1: Definiere ihn konkret (Was ist ER für dich?)
      Schritt 2: Prüfe ehrlich (Lebst du ihn wirklich?)
      Schritt 3: Handle barmherzig (Kleine Schritte, keine Perfektion)

      Jeden Tag fragen:
      „Habe ich heute nach Frieden gelebt?“
      Wenn ja:
      „Gut. Weiter so.“
      Wenn nein:
      „Warum nicht? Was kann ich morgen anders machen?“
      → Das ist stoische Praxis.

      🙏 DANKE FÜR DEINEN IMPULS!
      Dein Kommentar hat uns inspiriert. Deine drei Schritte (Selbsterkenntnis → Selbstmitgefühl → Mitgefühl mit anderen) sind nicht nur weise – sie sind zutiefst stoisch.
      Genau dafür ist diese Serie da: Gemeinsam die stoische Weisheit im Alltag entdecken.

      Alles Gute auf deinem Weg! 💚
      — Mara & Elias

      1. Wow. Gänsehaut. Ich dachte ich sei schon weit auf dem Weg, aber eure Übung hat mir gezeigt: Da geht noch was! DANKE! Segen geht raus…

      2. Lieber Pettersson,

        WOW – danke für diese Rückmeldung! 💚

        „Da geht noch was“ – genau DAS ist die stoische Haltung!
        Wir sind alle auf dem Weg. Immer.

        Deine Frage hat auch uns inspiriert.
        Danke, dass du Teil dieser Reise bist! 🙏

        Segen zurück! ✨

        — Mara & Elias

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