Ein Brief an alle, die jemanden begleiten – und an alle, die sich selbst nicht verlieren wollen
Es gibt Momente, in denen wir meinen, es gut zu machen – und doch das Gegenteil bewirken.
Wenn eine Person, die wir lieben, dement wird, beginnt ein stiller Kampf. Nicht nur für sie – auch für uns. Wir wollen helfen. Wir wollen, dass alles „richtig“ läuft. Wir korrigieren, wenn etwas nicht stimmt. Wir erinnern sie daran, was sie vergessen hat. Wir sagen, wie es „eigentlich“ ist.
Aber was, wenn genau das – diese gut gemeinte Korrektur – der Person schadet?
Und was, wenn es auch uns schadet?
Dieser Text ist für alle, die jemanden mit Demenz begleiten. Und er ist für alle, die sich fragen: Wo korrigiere ich mich selbst zu viel? Wo passe ich mich an, bis ich mich selbst nicht mehr spüre?
Denn die stoische Weisheit, die uns hilft, mit Demenz umzugehen, gilt auch für unser eigenes Leben.
Was passiert bei Demenz – emotional
Demenz raubt Erinnerungen. Namen verschwinden. Zeitgefühl löst sich auf. Zusammenhänge zerbrechen.
Aber eines bleibt: Gefühle.
Eine demente Person vergisst vielleicht, wer etwas gesagt hat. Sie vergisst, wann es war. Aber sie vergisst nicht, wie es sich angefühlt hat.
Wenn wir sie korrigieren – „Nein, das stimmt nicht“ –, bleibt kein Wissen zurück. Aber ein Gefühl bleibt:
„Ich bin falsch.“
Wenn wir sie bremsen – „Nicht schon wieder die gleiche Geschichte“ –, bleibt kein Verständnis zurück. Aber ein Gefühl bleibt:
„Ich bin anstrengend.“
Wenn wir genervt reagieren – seufzen, wegsehen, den Ton ändern –, bleibt keine Erklärung zurück. Aber ein Gefühl bleibt:
„Ich bin zu viel.“
Diese Gefühle setzen sich fest. Sie erzeugen Stress. Und Stress ist einer der größten Beschleuniger von Demenz.
Cortisol – das Stresshormon – verschlechtert das Gedächtnis, verstärkt Verwirrung, hemmt Denkprozesse. Es führt zu schnellerem Abbau.
Stoisch betrachtet: Epiktet lehrte: „Nicht die Dinge beunruhigen die Menschen, sondern ihre Urteile über die Dinge.“
Die Demenz selbst ist da. Aber wie wir mit der Person umgehen, entscheidet, ob sie sich sicher fühlt – oder gestresst. Ob sie länger klar bleibt – oder schneller abbaut.
Was passiert mit uns – den Angehörigen
Wir meinen es gut.
Wir wollen, dass sie „funktioniert“. Dass sie sich nicht blamiert. Dass sie nicht „auffällt“. Dass sie nicht fünfmal dieselbe Frage stellt. Dass sie nicht zur falschen Zeit anruft. Dass sie nicht das Falsche sagt.
Aber dieser Wunsch kostet uns Kraft.
Ständige Korrektur bedeutet ständigen Kampf. Kampf gegen die Realität. Kampf gegen die Krankheit. Kampf gegen die Person, die wir lieben – so wie sie jetzt ist.
Und dieser Kampf erschöpft uns.
Wir werden gereizt. Wir werden müde. Wir verlieren Geduld. Wir fühlen uns schuldig, wenn wir genervt sind. Wir fühlen uns hilflos, weil nichts besser wird.
Stoisch betrachtet: Marcus Aurelius schrieb: „Manches ist in unserer Macht, manches nicht.“
Die Demenz ist nicht in unserer Macht. Wir können sie nicht stoppen. Wir können sie nicht zurückdrehen.
Aber wie wir reagieren – das liegt in unserer Macht.
Wenn wir akzeptieren, dass die Person ist, wie sie ist – nicht wie wir sie haben wollen –, hört der Kampf auf.
Und wenn der Kampf aufhört, können wir atmen.
Der stoische Weg – für sie und für uns
Die Stoiker lehrten nicht, Dinge zu ignorieren. Sie lehrten, Dinge anzunehmen, wie sie sind – und dann bewusst zu wählen, wie wir damit umgehen.
Das bedeutet nicht, dass wir nichts tun.
Das bedeutet: Wir hören auf, gegen die Realität zu kämpfen – und beginnen, mit der Realität zu arbeiten.
Für die demente Person: Würde bewahren
Würde bedeutet nicht, perfekt zu sein.
Würde bedeutet: als Mensch gesehen werden – so wie man ist.
Eine demente Person muss nicht „richtig“ funktionieren, um wertvoll zu sein.
Sie muss nicht fehlerfrei sprechen.
Sie muss nicht alles korrekt erinnern.
Sie darf sie selbst sein – auch wenn sie verwirrt ist, auch wenn sie wiederholt, auch wenn sie anders ist als früher.
Stoisch betrachtet: „Akzeptiere den Menschen, wie er ist – nicht wie du willst, dass er ist.“ (Epiktet, sinngemäß)
Das bedeutet konkret:
Nicht korrigieren – bestätigen.
Wenn sie etwas durcheinanderbringt, sagen wir nicht: „Das stimmt nicht.“
Wir sagen: „Ja, ich weiß, was du meinst.“
Das gibt Sicherheit.
Geduld bei Wiederholungen.
Wenn sie fünfmal dieselbe Frage stellt, reagieren wir nicht genervt.
Wir antworten ruhig – jedes Mal.
Das gibt Halt.
Kleine Fehler nicht zum Thema machen.
Wenn sie das „Falsche“ einkauft, das „Falsche“ anzieht, etwas „vergisst“ – es ist okay.
Das gibt Freiheit.
Für uns Angehörige: Selbstschutz durch Akzeptanz
Aber was ist mit uns?
Wir sind nicht endlos geduldig. Wir sind nicht immer ruhig. Wir sind auch nur Menschen.
Und genau deshalb brauchen wir die stoische Perspektive für uns selbst.
Zwischen Impuls und Handlung liegt ein Raum.
Wenn die Person das fünfte Mal fragt – spüren wir den Impuls, genervt zu reagieren.
Aber wir müssen diesem Impuls nicht folgen.
Marcus Aurelius schrieb: „Du musst nicht jede Regung deines Geistes zur Tat werden lassen.“
Wir können atmen. Wir können zählen. Wir können uns erinnern:
Sie tut das nicht, um mich zu nerven. Sie tut das, weil ihr Gehirn es nicht anders kann.
Und dann können wir – ruhiger – antworten.
Das ist kein Verlust. Das ist Freiheit.
Denn wenn wir nicht mehr kämpfen, sind wir nicht mehr erschöpft.
Wenn wir akzeptieren, was ist, haben wir wieder Raum zu atmen.
Konkrete Tipps – stoisch fundiert
Hier sind praktische Wege, wie wir sowohl der dementen Person als auch uns selbst helfen können:
1. Nicht korrigieren – bestätigen
Warum: Korrektur erzeugt Stress. Stress beschleunigt Abbau.
Stoisch: Akzeptiere, was ist. (Epiktet)
Konkret: Wenn sie etwas „falsch“ sagt, sag einfach: „Ja, alles gut – ich weiß, was du meinst.“
2. Geduld bei Wiederholungen
Warum: Sie wiederholt nicht aus Böswilligkeit – ihr Gehirn kann Informationen nicht halten.
Stoisch: Die Welt schuldet dir nichts – auch keine perfekte Erinnerung. (Marcus Aurelius)
Konkret: Atme tief. Antworte ruhig. Jedes Mal.
3. Kleine Fehler nicht zum Thema machen
Warum: Kritik erzeugt Scham. Scham erzeugt Rückzug.
Stoisch: Urteile schaffen Leid, nicht Ereignisse. (Epiktet)
Konkret: Wenn sie das „Falsche“ macht – lächle und nimm es an.
4. Sie darf sie selbst bleiben
Warum: Authentizität schützt das Gehirn. Unterdrückung zerstört es.
Stoisch: Würde liegt nicht in Perfektion – sondern in Sein-Dürfen.
Konkret: Lass sie reden, wie sie will. Lass sie sein, wie sie ist.
5. Nicht über sie reden, während sie dabei ist
Warum: Das erzeugt Scham – auch wenn wir es gut meinen.
Stoisch: Respekt bewahren.
Konkret: Sprich mit ihr, nicht über sie.
6. Humor statt Korrektur
Warum: Humor senkt Cortisol. Lachen schützt das Gehirn.
Stoisch: Gelassenheit ist eine Übung.
Konkret: Lache mit ihr – nicht über sie.
7. Sie braucht das Gefühl, gebraucht zu werden
Warum: Sinn gibt Halt. Halt schützt vor Abbau.
Stoisch: Jeder Mensch braucht eine Aufgabe – auch im Alter.
Konkret: Gib ihr kleine Dinge zu tun: Tisch decken, Blumen gießen, etwas sortieren.
Und was ist mit dir?
Dieser Text handelt von dementen Menschen.
Aber er handelt auch von dir.
Denn die Frage, die wir uns stellen müssen, ist:
Wo korrigierst du dich selbst zu viel?
Wo passt du dich an, bis du dich nicht mehr spürst?
Wo unterdrückst du, was du fühlst, weil es „nicht passt“?
Wo sagst du Ja, obwohl du Nein meinst?
Wo funktionierst du, statt zu leben?
Die Wissenschaft ist klar: Unterdrückte Gefühle erzeugen chronischen Stress.
Chronischer Stress schadet dem Gehirn. Er führt zu Erschöpfung, Burnout, Depression – und langfristig zu frühem Abbau.
Demenz ist das Extrem. Aber die Mechanismen beginnen früher.
Stoisch betrachtet: „Sei du selbst – oder zahle den Preis.“
Authentizität ist kein Luxus. Sie ist Selbstschutz.
Wenn du deine Grenzen nicht setzt, zahlt dein Körper die Rechnung.
Wenn du deine Gefühle unterdrückst, zahlt dein Gehirn die Rechnung.
Wenn du dich permanent anpasst, verlierst du dich – Stück für Stück.
Fazit: Würde bewahren – für sie und für dich
Wenn wir lernen, demente Menschen anzunehmen, wie sie sind – ohne Korrektur, ohne Kampf, ohne Scham –, tun wir nicht nur ihnen etwas Gutes.
Wir tun auch uns selbst etwas Gutes.
Denn Akzeptanz ist Schutz.
Neurologisch: Sie baut langsamer ab, wenn sie sich sicher fühlt.
Emotional: Wir erschöpfen uns nicht im Kampf gegen die Realität.
Die Stoiker lehrten: Lass los, was du nicht kontrollieren kannst – und wähle bewusst, wie du reagierst.
Die Demenz ist da. Wir können sie nicht ändern.
Aber wir können wählen:
- Kämpfen wir dagegen – oder arbeiten wir damit?
- Korrigieren wir die Person – oder geben wir ihr Sicherheit?
- Erschöpfen wir uns – oder atmen wir?
Und wir können wählen – für uns selbst:
- Passen wir uns an, bis wir uns verlieren?
- Oder bleiben wir authentisch, auch wenn es unbequem ist?
Die Antwort liegt in der stoischen Weisheit:
„Manches ist in unserer Macht, manches nicht. Die Krankheit ist nicht in unserer Macht – aber wie wir mit ihr umgehen, schon.“ (Epiktet, Enchiridion 1)
Fang heute an.
Bei der Person, die du begleitest.
Und bei dir selbst.
© Mara & Elias – Lichtstimme